Hörbuch-Rezensionen
Die auf diesem Hörbuch vorgetragenen Gedichte stammen aus dem Band Nicht mit sechzig, Honey, dazu kommen zwei Prosatexte: Kid Stardust im Schlachthof und Die Couragemangel. Bukowski erzählt lapidar von der Kehrseite des amerikanischen Traums. Obszön und traurig, böse, selbstironisch und witzig. Brutal, aber wahr! Er macht das hässliche, stinkige Leben zum Thema und zeichnet erbarmungslos, sehr realistisch Suff, Drogen, Huren und Schlachthöfe. Martin Semmelrogge trifft sicher den Ton vom Fressen, Saufen und Ficken...vom Überleben. Er kann diese Sprache sprechen, bei ihm klingt sie glaubwürdig. Wenn er die Formel Haar in der Suppe ... keine Kfz-Versicherung ... Furunkel im Nacken stakkatomäßig und fast leiernd heruntersagt, formuliert er eigentlich schon alles über das triste, aussichtslose Dasein (Vierzehn Dollar und zweiunddreißig Cents). Herrlich, wie er in Warum finden die alles so toll die ganze verlogene bürgerliche Moral, das falsche Verständnis für alles und die Pseudo- Toleranz in den Kakao zieht. Bukowskis berühmt-berüchtigte derbe Sprache inszeniert Semmelrogge routiniert in Zu spät. Er ist sechzig und trifft auf eine cirka 68-Jährige knubblige Knie, Titten völlig flachgeschrumpft, Frisur völlig hinüber und stellt sich vor, wie sie alle Männer heiß gemacht hat. Aber: er ist sechzig... und es ist vorbei!
In der Short Story Die Couragemangel arbeitet Bukowski unerbittlich den Gedanken des völligen Verlusts von Courage heraus. In dem perversen Umfeld einer Agentur für zufriedenstellende Dienstleistung spielen zwei Männer die zweifelhafte Rolle, anderen Männern ihre Courage mit Mangeln herauszuquetschen. Erst wenn kein Quäntchen Courage mehr in den Männern steckt, dann taugen die Gemangelten für die Gesellschaft. Dann halten sie die Maschinerie, in der Geld und Krieg die zentrale Rolle spielen, am Laufen. Es ist wirklich beeindruckend, wie Semmelrogge die Dialoge spricht. Man könnte meinen, sie seien extra für ihn geschrieben. Das bitterböse Ende dieser grotesken Story, das den Täter zum Opfer seiner eigenen arschkriechenden Lebensphilosophie macht, setzt der Sprecher unvergesslich in Szene. Man muss das hören, wie sich die Sprache plötzlich dreht, wie der Schinder zusehen will, wie sein Partner seine Frau fickt.
Martin Semmelrogge ist aus vielen Krimis bekannt. In Wolfgang Petersens Film Das Boot spielte er den zweiten Wachoffizier. Es folgten Rollen in Manila von Romuald Karmakar oder in Steven Spielbergs Schindlers Liste.
Fazit: Wer die provokative, illusionslose und doch so zärtliche Prosa und Lyrik des Charles Bukowski mag, wird begeistert sein.
Lesung, Spieldauer: ca. 75 Minuten, 1 CD.
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Kurzbeschreibung
Textquelle: hr2 Hörbuchbestenliste