Ich gestehe: Im allgemeinen mag ich Bölls Werke nicht besonders; er ist das Paradebeispiel dafür, dass ein mittelmäßiger Autor ein hochanständiger Mensch sein kann.
Aber ein Buch von Böll liebe ich (eigentlich zwei: Das "irische Tagebuch" ist auch sehr schön): Das sind seine frühen Erzählungen, deren hier vorliegende Auswahl (enthalten sind 16 Erzählungen und Kurzgeschichten aus den Jahren 1951 bis 1961) nicht ganz zu Unrecht den Untertitel "Satiren" trägt. Es ist ihnen allen ein mehr oder weniger deutlicher satirischer Zug eigen, von melancholisch bis gallenbitter, und die besten Erzählungen spiegeln ohne jeden ideologischen Bombast den zeitgenössischen Hintergrund wider.
Vor allem aber glänzen sie durch eine lakonische Sprache, die tiefe Gefühle hinter spröden Worten erahnen lässt: Da lebt z.B. ein tierlieber Hundefänger, der nicht behördlich angemeldete Hunde aufspüren soll, in dem Dilemma, dass er für seinen eigenen Hund keine Hundesteuer bezahlt; er würde gern, aber es geht nicht, aus ganz verqueren Gründen. Der Mann leidet, keine Frage... Spektakulär hingegen ist Onkel Freds Aufstieg vom Schwarzmarkt-Schieber zum angesehenen Herrn über viele Filialen. Wieder ganz anders gestrickt ist das "Schicksal einer henkellosen Tasse", deren eigenes Schicksal mit dem ihrer Besitzer verflochten ist. Sie steht vergessen und ramponiert draußen in der Kälte, fürchtet angesichts herumflatternder Vögel um ihr Leben und lässt das Leben Revue passieren; immerhin hat sie das für Tassen beachtliche Alter von 25 Jahren erreicht, war zweimal verheiratet, hat manche Demütigung erlebt und einiges gesehen -- ein gleichzeitig witziger und melancholischer Rückblick auf die Jugend des Tassenbesitzers und ganz nebenbei auch auf die Anfänge der Bundesrepublik. Härter zur Sache geht es in der vermutlich berühmtesten Erzählung dieses Bandes, "Dr. Murkes gesammeltes Schweigen"; hier liest man eine ätzende Bestandsaufnahme der nimmermüden Kulturschaffenden und ihres omnipräsenten Aktionismus: Dr. Murke schneidet aus allen erreichbaren Tonaufnahmen die Momente der Stille heraus und montiert sie aneinander... eine geniale Idee von Böll, der hier ein vernichtendes Urteil über die allgegenwärtige hohle Geschäftigkeit abgibt.
Mein persönlicher Favorit ist allerdings die Titelgeschichte: Tante Milla weigert sich zur Kenntnis zu nehmen, dass die Weihnachtszeit vorbei ist, und um ihr einen Schock zu ersparen, spielt die Familie anfangs noch gutwillig weiter Weihnachten, in der Hoffnung, dass sich das bald legen werde. Es legt sich aber nicht, und Tante Millas zunächst harmlos scheinender Spleen treibt ihre Lieben dazu, mit immer verzweifelteren Manövern eine der Tante genehme Wirklichkeit zu inszenieren, eine Wirklichkeit, an der im Laufe der Zeit immer weniger wirklich ist...
Wer den Schriftsteller Böll kennenlernen will, dem empfehle ich diesen Band.