Welche Art der Besprechung passt besser zu einem Buch, in dem es um Rezensionen von Büchern geht, die nie geschrieben wurden, als eine Auswahl von Kritiken aus einigen literarischen Leitmedien zur Veröffentlichung von Nicht zu fassen von Bernd Wahlbrinck, die wohl leider und dies liegt weder an der Qualität des vorliegenden Bändchens noch an seinem Autor nie geschrieben werden?
So hätte die Bild in Anlehnung an ihre Nachricht zur Ernennung des Papstes titeln können Wir sind Wahlbrinck, um dann in typisch sachlichem Ton im nachfolgenden Text die herausragende Qualität und den überbordenden Einfallsreichtum des Autors in den Himmel zu loben: Diesen spät aufgegangenen Stern am Literaturhimmel, der sprachlich so erhellend und in seinen Aussagen klar leuchtet, muss man einfach gelesen haben.
Etwas nüchtern differenzierter, doch auch eine stille, nichtsdestotrotz nachdrücklich wohlwollende Gewogenheit signalisierend, wäre die Rezension in der FAZ ausgefallen. Die Vielfalt der Ideen, gewonnen aus einem gedanken- und sprachleeren Raum denn Wahlbrinck referiert ja nicht auf Existentes, sondern spielt mit dem, was nicht ist, aber dennoch die Grundlage seiner Texte bildet ist beeindruckend. Er bewahrt sich zudem eine künstlerische Eigenständigkeit von seinem literarischen Vorbild Stanislav Lem, indem er eine Symbiose zwischen seinen Texten und diesen vorangestellten grafischen Kleinoden, die zumeist einen oft alltagsphilosophisch anmutenden Ausgangspunkt für die darauffolgenden Texte bilden, herstellt.
Auch die Brigitte hätte sicherlich ihren Beitrag zur steigenden Popularität des Autors geleistet: esonders hervorheben muss man die sanft humoristischen Elemente der Texte und ihre dem Leben nachempfundenen Alltagsthematiken. Die Informationen zur Vita des Autors, seinen literarischen Werdegang und Spekulationen zu seiner Zukunft kulminieren in folgender Frage: Wird die Schule und werden ihre Schüler (Wahlbrinck ist bekanntlich Lehrer an einer höheren Bildungsanstalt im nordwestlichen Nordrhein-Westfalen, Anmerk. der Redaktion) in diesen Zeiten des Bildungsnotstandes einen solchen Pädagogen an den in jeder Hinsicht gewinnträchtigeren Kulturbetrieb verlieren?
Die Zeitung aus der Geburtsstadt des Autors, die vielzitierte NOZ, wäre wohl zu folgendem Ergebnis gekommen: Wahlbrinck bewegt sich virtuos auf verschiedenen literarischen Ebenen. So findet man in seinen Texten lyrische, epische und auch ansatzweise dramatische Elemente, die sich abwechseln und sinnvoll ergänzen und beim Rezipienten immer neue Leseerfahrungen aufkommen lassen. Einige englische Texte am Ende des Buches weisen den Autor zudem als Kenner dieser Sprache aus.
Da bleibt mir nur hinzuzufügen: Egal was die anderen sagen oder gesagt hätten, die Lektüre von Nicht zu fassen ist absolut lohnenswert. Deshalb rann an das Buch, bilden Sie sich Ihr eigenes Urteil.
Jörg Lindenmeyer