Arthur Koenen, der Ich-Erzähler in diesem merkwürdigen Mix aus E-Mail-Schmonzette und Philip-Marlowe-Krimi, wird von Ute Schilf, der Ehefrau des Vorsitzenden einer großen Partei, die unschwer als die SPD zu erkennen ist, beauftragt herauszufinden, ob und mit wem ihr Mann Leo sie betrügt. Über heimliche Küsse im Fahrstuhl der Parteizentrale kommt Koenen der Liebschaft tatsächlich auf die Spur. Letzte Beweise bringen ein Einbruch in die Wohnung der Geliebten (mit dem der Roman beginnt) und das Ausspähen ihres E-Mail-Verkehrs. Die Beschattungsarbeit geht weiter, führt Koenen auf einen Kutter, wo der ehebrecherische Parteichef zum Zwecke des Stimmenfangs Fische sezieren muss, und schließlich zum Parteitag, wo Anna, die Geliebte, ebenfalls Parteimitglied, auf das geheime Liebes-Codewort "Oktopus" wartet. Im Hintergrund läuft der parteiinterne Streit um umstrittene Sozialreformen der Regierung (als Synekdoche fungiert "Zahnersatz"), gegen die Anna, die "Rebellin", sich medienwirksam auflehnt. Koenen füllt eine Mappe mit entlarvenden Informationen, ist sich am Ende aber nicht mehr sicher, wie er mit dem Wissen umgehen soll, das Annas Liebe unweigerlich zerstören würde. Denn unwissentlich hat Anna sich in sein Herz geschlichen. Da kommt der geheimnisvolle Mann im Cord-Anzug gerade recht, dessen Geheimnis der Privatdetektiv bei seinen Recherchen ebenfalls auf die Schliche gekommen ist: Koenen versucht ein riskantes Spiel, bei dem es nach seiner Überzeugung nur Sieger geben kann - wenn alles klappt wie geplant.
Reduziert man Kurbjuweits Stoff auf das Handlungsgerüst, steht man vor einem Kolportageroman im Krimigenre. Dass vor allem in den wiedergegebenen E-Mails ständig "gef***" und "gev***" [Zensur von mir] wird, verstärkt diesen Eindruck. E-Mail und SMS als Verbalventil für sexuell frustrierte Politik-Aufsteigerinnen, die schreiben wie Dieter Bohlen nicht mal spricht, wenn er besoffen ist, naturgetreu wiedergegeben von SPIEGEL-Chefaufklärer Kurbjuweit: Wer, bitteschön, soll das glauben? Das ist kein Naturalismus mehr, das ist gewollt und in der Häufigkeit penetrant und zielt nur auf den Effekt: kolportagehaft eben wie die tragenden Säulen der Handlung. Die Betrogene und der Detektiv, die Ehebruchsgeschichte, die Schwangerschaft mit anschließender Abtreibung als Element der Verwicklung, Finte und Ende: Kurbjuweit verbirgt diese Klischees zwar in einer einigermaßen originell gebauten Erzählung, aber er wird sie nicht los. Er begibt sich zwar in ein Milieu, in dem er sich auskennt und das er daher authentisch und mit Gewinn für den Leser zu schildern vermag, aber er erklimmt damit weder literarische Höhen - dafür bleibt seine Erzählung trotz der verschachtelten Anordnung der Ereignisse zu konventionell - noch weiß er durch eine raffiniert geschmiedete Geschichte zu fesseln. Vor allem gelingt es ihm nicht, Figuren zu erschaffen, die dem Leser nicht piepegal sind: Anna ist eine dumme Gans, die selbst schuld ist, Leo ein arroganter Opportunist, Ute, seine Frau, eine kühle Diva und Koenen, der Ich-Erzähler, eine dürftige deutsche Ausgabe von Philip Marlowe. Wo dieser viril seine Ecken und Kanten zeigen durfte, bleibt Koenen ein Privatschnüffler im Piefke-Format. Wirklich interessant ist Kurbjuweits Buch nur da, wo der ranghohe Journalist aus der Schule plaudert, wo er den Polit-Zirkus lebendig werden lässt, zu dessen Akrobaten er als Leiter des SPIEGEL-Hauptstadtbüros selbst gehört.
In einer Szene beschwert sich Anna bei Leo über die unvorteilhafte Geschichte, die der Reporter eines angesehenen Magazins, ein Mann, mit dem sie sich bei den Treffen eigentlich sehr gut verstanden hat, aus dem Interview mit ihr gewoben hat. Im SPIEGEL Nr. 22/2009 befindet sich ein Beitrag von Kurbjuweit über den JU-Vorsitzenden Philipp Mißfelder, den man als einen ähnlichen Polit-Aufsteiger wie Anna Tauert betrachten könnte. Wenn der 29-jährige Nachwuchspolitiker heute über sich lesen kann, er bewege sich "schwerfällig", sei ein "Machtpolitiker ohne Machtaura" und "zu jeder Heuchelei bereit", dürften die enttäuschten Erwartungen gemessen an dem, was sich Mißfelder bei den rund zwölf Treffen mit Kurbjuweit vorgestellt hat, denen der Anna Tauert in diesem Buch gleichen. Aber so ist das im ewigen Duell zwischen Politik und Journalismus: Die ganze Wahrheit ist gar nicht so leicht auszumachen. Sie muss irgendwo zwischen den selbstgefälligen Darstellungen liegen, die beide Lager mit unterschiedlichen Interessen gern inszenieren. Eine Inszenierung ist auch dieses Buch, eine mit Unterhaltungswert, zweifellos. Die Wirkung, die Kurbjuweits kurzweilig geschriebene Prosa beim Leser hinterlässt, hält freilich nicht länger an als die eines mäßig spannenden ZDF-Fernsehfilms der Woche.