Das Buch ist durchaus dazu angetan, am Mythos Tour kräftig zu kratzen. Dies liegt nicht nur am allgegenwärtigen Thema Doping, von den Autoren keineswegs aufgrund seiner heutigen Aktualität (erschienen ist das Buch bereits 2006) immer wieder aufgegriffen, sondern, weil es sich wie ein roter Faden durch die Tourgeschichte zieht, auch wenn wir uns heute wundern, dass man in früheren Zeiten zu Kokain und Absinth griff oder Aufputschmittel mit Alkohol kombinierte, die vermutliche Todesursache des britischen Spitzenfahrers Simpson während der Tour von 1967. Die Autoren entschuldigen das Doping nicht, zeigen aber auf, wie die hohe Erwartungshaltung von Sponsoren, Zuschauern und Tourleitung es geradezu erzwingen; wer will schon eine Tour mit einem ungedopt machbaren Tempomittel von 25 km/h sehen und vor allem finanzieren?
Der Leser erfährt jedoch auch von anderen Schattenseiten der Tour, so vom immerwährenden Kampf zwischen Tourleitung und Sponsoren um den Grad des sportlichen und des technischen Wettstreits, von tätlichen Angriffen der Fahrer untereinander und von Zuschauern gegen missliebige Fahrer, von teils grotesken Sabotageakten und von Streckenführungen, die von der Leitung auf den gewünschten (französischen) Sieger zugeschnitten wurden. So wollte man Indurains Siegesserie durch einen höheren Anteil an Bergetappen brechen, die dem Spanier weniger lagen.
Trotzdem ist es Intention des Buchs, die Tour als sportliches Großereignis mit viel Licht und entsprechend auch etwas Schatten zu schildern. Den Autoren gelingt es, über mehr als hundert Touren packend zu berichten und die individuelle Atmosphäre jeder einzelnen Schleife einzufangen, sowohl aus der Frühzeit mit kläglichen Schotterpisten über die Pässe, gebrochenen Gabeln und Gangschaltungsverbot als auch aus der heutigen Zeit mit ihren vielfältigen technischen Möglichkeiten. Der Leser lernt Siegertypen kennen und eher tragische Figuren wie den Ewigen Zweiten Raymond Poulidor. Doch auch wer vorrangig an Zahlen, Daten und Fakten interessiert ist, wird sich mit diesem übrigens abwechslungsreich mit Fotografien illustrierten Buch rasch anfreunden.
Für Freunde des Profiradsports stellt dieses Buch somit geradezu eine Fundgrube dar, das Hintergründe und scheinbar undurchschaubare Verflechtungen transparent macht, alles nötige Wissen liefert und darüber hinaus auch noch kurzweilig und angenehm zu lesen ist.