Um es gleich vorneweg zu sagen: Von achtlos kannte ich bereits die Fish-CD von 1998(?) und habe die Jungs vor ein paar Jahren auch mal live gesehen. Als ich dann von der neuen CD hörte, habe ich mir die einfach mal aus Interesse und Neugier bei amazon bestellt.
Ich war recht überrascht, wie zivil und brav sich achtlos auf dieser Platte manchmal anhören, wenn man sie mit der ersten CD oder auch mit den Live-Auftritten vergleicht. Insgesamt ist „nicht viel" doch vergleichsweise ruhig ausgefallen: Zwei oder drei schnelle und flotte songs, eine Ballade und alles andere liegt eher im Mittelfeld. Ich kann mir allerdings vorstellen, dass die meisten songs live wesentlich schneller und härter `rüberkommen. Oder ist dieses etwa als Anbiederung an die Radio- und Charts-Kompatiblität zu sehen? Ich mag es nicht glauben...
Klanglich gibt es - wie nicht anders zu erwarten - jede Menge verzerrte Gitarren, die aber auch mal einen Gang nach unten schalten, nicht nur immer das volle Brett fahren und sich vom Sound her z.T. deutlich von Stück zu Stück unterscheiden. Man hat hier offenbar mit vielen verschiedenen Effekten bzw. Verstärkern gearbeitet. Der raue und charakteristische Gesang von Markus Mochalski (auf der letzten CD röhrte noch Frank Schäfer ins Mikro) passt außerordentlich gut zur Musik.
Mein persönliches Highlight auf dieser CD sind allerdings ganz klar die Texte (was ja bei deutschsprachigen Bands längst nicht immer selbstverständlich ist!). Man verfällt weder in verbalen Trivialattacken a la Wolfgang Petry, noch lässt man sich zu einer wir-sind-die-tollsten-alle-anderen-sind-scheisse-Mentalität wie bei den Onkelz hinreißen. Achtlos schaffen es vielmehr, inhaltlich eine Sache auf den Punkt zu bringen, dem Zuhörer etwas zu zeigen, die passenden Bilder zum Thema zu liefern, ohne dabei aber den Moralapostel zu spielen oder die sonst so typische und machohafte Rockergehabe an den Tag zu legen. Sie treten damit den Beweis an, dass sich partytaugliche Trinklieder und anspruchsvolle, zuweilen auch nachdenklich stimmende Texte durchaus auf deiner CD befinden dürfen, ohne dass es lächerlich wirkt oder den Spaß am „Musik hören" mindert.
Zu den Musikstücken selbst:
ANGST
Ein recht guter Opener, der zwar irgendwo im Midtempo-Bereich liegt (was für den ersten song ja eher untypisch ist), aber dennoch stellenweise recht brachial und irgendwie düster rüberkommt. Der Text ist individuell interpretationsfähig, es dreht sich wohl um einen Albtraum, eine begangene Straftat oder so was ähnliches.
ÜBERDENKER
Musikalisch hat das für mich irgendwie etwas „hymnenhaftes", wenn der Refrain einsetzt. Inhaltlich geht es um (nicht vorhandene) Individualität, um die Abhebung von der Masse und darum, auch einfach mal anderer Meinung als alle anderen zu sein.
BIERCHEN
Wie der Name schon sagt: Ein typischer Party-zisch-und-weg-Song. Was dieses Stück von den unzähligen anderen Saufliedern des Genres abhebt, ist allerdings die unterhaltsame und beinah schon „dichterische" Art, wie das Thema mit einem zwinkernden Auge besungen wird: Es werden immer wieder „weibliche" Eigenschaften für die Liebe zu dem kühlen Blonden gefunden und geschickt dem Gerstensaft zugesprochen.
LAUTSTARKES LEBEN
Musikalisch vielleicht etwas zäh, verglichen mit den anderen songs. Dafür nimmt die Geschichte am Ende eine ganz unerwartete Wendung.
BIG BROTHER
Ein recht flotter song zum Thema Überwachungsstaat, der klar an Orwell`s „1984" angelehnt ist. Trotz sozialkritischem Hintergrund voll partytauglich!
ZEIT ZU STERBEN
Als ich den song zum ersten mal hörte, hatte ich direkt die Bilder aus dem Film „Dead man walking" vor Augen: Ein verurteilter Mörder wartet auf seine Hinrichtung und denkt dabei noch ein letztes mal über das nach, was er getan hat. Hier gibt es eine beinah perfekte Harmonie von Musik und Text: Sehr düster halt, aber stimmig. Außerdem gibt es immer wieder bewusste „Pausen" im Gesang, als ob man dem Hörer Zeit geben möchte, die Geschichte während des Hörens zu verarbeiten und die Worte wirken zu lassen. Sehr gut und irgendwie „visuell" umgesetzt, würde sich dieser song bei entsprechendem Thema glatt als Filmmusik eignen.
NICHT VIEL
An dieser Stelle schlagen achtlos auch schon mal bluesige Töne an, die dann - vermischt mit schleppend-düsteren Hardrock-Anleihen - davon erzählen, wie jemand (vergeblich?) um Hilfe bittet.
TAUSEND ANDERE
Meiner Meinung nach der schwächste song auf der CD. Obwohl man auch hier etwas zu sagen hat (Es geht gegen das Hypen von Retortenbands und Chartsmusik ganz allgemein) wirkt der song auf mich musikalische etwas unausgereift und irgendwie ein bisschen „billig".
STERNHAGELVOLL
Ähnlich wie „Bierchen" ist dieses ein Song, den man gut auf einer Party zu späterer Stunden auflegen kann. Vollgas halt.
VERLORENE WELT
Die einzige Ballade der CD richtet sich allgemein gegen Krieg und Gewalt. Obwohl (oder gerade weil) die verwendeten Metaphern recht passend sind, klingt das für mich allerdings eher etwas abgegriffen und haut mich nicht so sehr vom Hocker. Ist aber auch Geschmackssache, etlichen Leuten dürfte wohl genau diese Nummer am meisten zusagen...
EINHUNDERT 13
Ein relativ schnelles Instrumentalstück mit einer netten Melodie, das sich glatt für die musikalische Untermalung von „Wetten dass..." eignen würde, wenn es mal eine Sendung nur für Hardrock-Fans geben sollte. Schön!
SCRAMP
Hoppla! Die schnellste und wohl auch härteste Nummer zeigt ganz klar Punk-Anleihen und ist überraschender weise sogar in Englisch gesungen. Naja, oder man versucht es zumindest... Mein Tipp: Dann doch lieber in Deutsch.
Fazit: Es handelt sich bei diesem Album sicher nicht um ein leicht verdauliches Massenprodukt, wie sie im Moment leider durch Leute wie z.B. Herrn Bohlen in rauen Mengen auf den Markt geschmissen (und leider auch gekauft) werden. Ganz im Gegenteil: Ein paar Ecken und Kanten muss man der Musik (und auch den Texten) von achtlos zweifellos zugestehen. Wenn man sich allerdings die Mühe macht, sich „einzuhören", hat man eine Platte im Schrank stehen, die man immer wieder gerne auf den Teller (oder besser: in die CD-Schublade) schmeißt, ohne das sie langweilig oder abgenudelt klingt.
Wer auf eigenständigen Rock / Hardrock steht, und nebenbei Interesse an gut gemachten Texten und Geschichten hat, kommt hier voll auf seine Kosten.