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Mit von unterdrücktem Zorn vibrierender Sprache dekonstruiert Martini das folkloristische Zerrbild vom Tessin als Sonnenstube der Schweiz. Stattdessen schildert er in sich einbrennenden Bildern ein Leben in Armut und religiös-bigotter Einengung, die Allgegenwärtigkeit des Todes und die Willkür der lebensfeindlichen Natur. Heimat hat nun aber nichts damit zu tun, ob einem diese Heimat Ihre Zuneigung gastfreundlich ausbreitet oder sich diese hart erkämpfen lässt. Womöglich sehnt sich Gori - niemals wirklich angekommen im kalifornischen Exil - umso mehr nach einer Heimat, weil er diese verlassen musste, nachdem er diese in zähem Ringen, mit durch die Zähne gepresstem Fluch, akzeptiert hatte. Während er im fernen Kalifornien seine Zugehörigkeit zum Tessin mit sich herumtrug, fühlt er sich nun, zurückgekehrt, als Amerikaner.
Und so zieht das Buch seine stärksten und bewegendsten Momente aus den zärtlichen Momenten mit Maddalena, scheuen Begegnungen, immer unter dem strengen Auge von Familie und Kirche, Blicken, Gesten und mehr Neugier als tatsächlich erfüllte Liebe. Gori geht nach Amerika mit der Hoffnung, Maddalena würde ihm nachfolgen und kehrt wieder in ein ihm fremd gewordenes Land - lebensfreundlicher aber nicht mehr seines. Und diese altersmilde Rückschau auf eine aufkeimende Liebe macht den Roman, bei aller Wut, weitaus weniger bitter und unversöhnlich als beispielsweise Bianconis "Stammbaum".
Plinio Martinis Roman ist eine Pflichtlektüre für den wirklich interessierten Lago Maggiore-Urlauber mit dem Wunsch, etwas über die tatsächlichen Lebensbedingungen in den ach-so-romantischen Bergdörfchen zu erfahren. Den es womöglich bewegt, dass von neun Kindern einer Familie vielleicht zwei überlebt haben, von denen dann eines auswanderte und das andere als Schornsteinfeger in Mailand verreckte. Der Autor ist soweit entfernt vom Alpbauern-Folklore-Kitsch wie die Übernachtung auf einem verfaulten Strohsack in einem zugigen Steinhaufen von einer Almhütte von einem Hüttenabend im 4-Sterne-Hotel in Ascona. Aber "Il fondo dell sacco", so der Original-Titel, ist eine der ganz wenigen Liebesgeschichten, die mich an irgendeiner Stelle berührt haben. Das mag gegen mich sprechen, aber mit Sicherheit für das Buch.
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