"Niagara" ist der Film, mit dem Marilyn Monroes Kultstatus begründet wurde, und man kann sehr gut verstehen, warum. Das gleißende Technicolor mit strahlenden, üppigen Rottönen (aber auch noch ganz anderen Signalfarbakzenten wie den gelben Regenmänteln bei der Besichtigung der Niagarafälle) verschafft ihr selbst unter der Dusche noch rötere Lippen als allen Filmkonkurrentinnen zuvor. Und mit einem supererotischen pinkfarbenen Kleid sowie Hüften und Popo schwingenden Gang ist sie sowieso die Schau, für die Bewohner eines Touristencamps wie für die Kino- und DVD-Zuschauer. Was macht der Film nun daraus? Inhaltlich scheint das Ganze zunächst ein saftiger, etwas überzogener Erotikkrimi zu sein, und MM eine reine Männerfantasie in Übersteigerung der schönen, bösen femmes fatales der films noirs aus den 40ern. Rose Loomis (MM) hat einen Mann namens George (Joseph Cotten) sowie einen Geliebten, und Letzterer soll ersteren umbringen. Immerhin, der Film ist wundervoll fotografiert, gerade auch mit der imposanten Naturkulisse der Niagarafälle, und die herrlich übertriebenen Farben sind schön restauriert. Und bei näherem Hinsehen steckt hinter der klischeehaften Konstellation doch ein wenig mehr, was mich zu knappen fünf Sternen verleitet. Es gibt hier nämlich nicht drei, sondern vier wichtige Personen, der Geliebte ist eher unwichtig, aber zu den Loomis' gesellen sich noch Polly und Ray Cutler (Jean Peters und Casey Adams). Dies ergibt eine recht interessante und doppelbödige Konstruktion, denn Regisseur Henry Hathaway tut weit mehr, als dem abgründigen das gute Ehepaar entgegenzusetzen. Ray ist ein rechter Stiesel, der sich recht wenig für seine Frau zu interessieren scheint. Auf den nachgeholten Flitterwochen denkt er nur an seinen Job, schenkt den Fabrikschloten seines Brötchengebers mehr Aufmerksamkeit als den imposanten Wasserfällen und beschwert sich erzürnt vor der Abreise, dass er nicht mal zum LESEN (!!!) gekommen sei. Seiner Frau fährt er über den Mund und begreift von den ganzen abgründigen Geschehnissen um sich herum immer am wenigsten, kriecht aber dem vor jovialer Aufdringlichkeit kaum zu ertragenden Chef in den Ar---, dass es kaum mit anzusehen ist. Zwar ist das Happy End etwas schal auf eine glückliche Zukunft von Polly und Ray ausgerichtet, aber wir fragen uns dennoch: Das soll die heile Welt und die Alternative zu der kaputten Beziehung George/Rose sein?!? Nein, von unserem Quartett kommt eigentlich nur eine gut weg, und das ist die stille starke und kluge Polly. Eine bezeichnende Bildsprache erklärt dies, als Ray sie in Modelpose fotografieren möchte, wir merken, dass auch sie strahlend schön ist. Doch auf einmal legt sich ein Schatten über sie - er stellt sich als derjenige von Rose heraus. Pollys Schönheit droht zumindest im Blick des von einem Mann geführten Fotoapparats von Rose überschattet zu werden (der Film lässt auch keine Gelegenheit aus, Haupt- wie Randfiguren hinter MM herstarren zu lassen), aber Polly hat schon an Ausstrahlung gewonnen.
Zu den verbleibenden beiden: Rose ist sowieso als femme fatale verloren für den Part der Sympathieträgerin, und George sehe ich ebenfalls sehr negativ. Interessanterweise gewinnt der Film gerade dadurch sehr - wir können nicht einfach George als das arme Opfer des bösen Vamps sehen. Sicherlich, er ist eine jämmerliche Kreatur. Sicherlich, er hat in seinem Leben nichts zustande gebracht. Wenn Rose kurz nach der Schilderung von Georges' Versagenskette schimpft, es sei ihr "jeder Recht, solange es EIN MANN ist", dann ahnen wir, dass George auch bei dem versagt, was man im US-Film der Fünfziger noch nicht beim Namen nennen durfte. Doch so erbärmlich er ist, er ertränkt sich in einem enervierenden Selbstmitleid, das sich gegen ihn wendet: Warum hechelt er eigentlich diesem seinem Männertraum seit Jahren hinterher? Warum hat er ihn überhaupt geheiratet? Das ist doch wohl ein etwas größerer Schritt als mal den Hosenstall nicht zugekriegt zu haben! Und diese Überlegungen führen mich dazu, in George weit mehr als nur das Opfer seiner Triebe zu sehen. Es wird mehrmals gesagt, dass George Rose über alles liebt. Am Schluss tötet er, was er liebt (in einer Sequenz, die mit irren Kamerawinkeln und Schatten an den film noir erinnert, aber auch mit einer technicolorblutroten Lampe die Gewalttat indirekt zeigt). Musste George seine Männerfantasie abtöten? Oder ist das gar ein erzreaktionärer Film, der das Erotische gleichzeitig zelebriert und scheinheilig verurteilt - "das Biest muss sterben"? Für mich ist diese Verknüpfung von Liebe und Tod eine bewegende Studie über die UNFÄHIGKEIT ZU LIEBEN; dies ist tödlich sowohl für Rose als auch für George. Der Film suggeriert, dass es George mit seiner Liebe zu Rose tatsächlich ernst ist. Aber das ist schon eine seltsame Art von Liebe, wie er als willenloses Hundchen hinter ihr hertrottet, ihr den Rücken auf Kommando schrubbt und (frei nach Erich Kästner) auch noch begierig den Kakao trinkt, durch den Rose ihn zieht. Es scheint nur diese eine Deutung zu bleiben: George will lieben, kann es aber nicht, und ein Leben ohne Liebe ist kein Leben. Vielleicht sind George und Rose schon zu Lebzeiten tot. Dazu passt auch dieses maßlose Selbstmitleid: "Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst", an diesem Bibelspruch werden immer die letzten drei Worte übersehen. Nur, wer sich selbst liebt, kann andere lieben, kann die Menschheit und das Leben lieben. Gemessen an diesem Maßstab ist George verloren, und der Film zeigt dies mit beeindruckender Konsequenz.