Ariah, ein Spätes Mädchen und fast noch Braut, wird zum ersten Mal Witwe, bevor sie die berühmtesten Wasserfälle der Welt überhaupt gesehen hat. In den Vierzigern und Fünfzigern des vergangenen Jahrhunderts war die Stadt Niagara Falls mit ihren großen Luxushotels DAS Hochzeitsreiseparadies der USA. Als die junge Frau in der plüschigen Pracht ihrer Honeymoon-Suite nach einer katastrophalen Hochzeitsnacht allein mit einem Kater aufwacht, hat sich ihr überforderter junger Ehemann bereits in den Abgrund gestürzt. Der Bedauernswerte wird uns nicht weiter beschäftigen. Wie Ariah, werden wir ihn schnell vergessen.
Die junge Frau wird schockierend schnell wieder heiraten und ihr künftiges Leben im Bannkreis des fallenden, tosenden Wassers verbringen. Sie ist ein merkwürdiges Geschöpf, puritanisch und leidenschaftlich zugleich. Die starr- und eigensinnige rothaarige Kindfrau mit Sommersprossen erobert im Sturm das Herz des umschwärmten und vom Glück verwöhnten Dirk Burnabys, eines erfolgreichen Rechtsanwalts aus vermögender, alteingesessener Familie. Er steht ihr während der Krise um den Tod ihres ersten Ehemannes bei und sie verfallen einander mit Haut und Haar für lange Zeit. Die ungleiche Beziehung zwischen dem ungleichen Paar hält und ist glücklich, wenn auch Ariah dem Glück keine Sekunde lang traut. Allein ihre drei Kinder bieten ihr Sicherheit und Trost und sind Bollwerk gegen die als feindlich empfundene Außenwelt. Ariah Burnaby ist davon überzeugt, dass sie Dirk Burnaby, das große Glück ihres Lebens, nicht für immer haben wird.
Sie wird recht behalten. Am beruflichen und gesellschaftlichen Leben ihres Mannes nimmt Ariah kaum Anteil. Für sie gibt es nur die eigene Familie. Entweder ist man in ihr oder man existiert nicht. Es dauert lange, bis sie begreift, dass sich Dirk Burnaby in eine verhängnisvolle Prozessgeschichte verstrickt hat. Eine junge Frau bringt ihn auf die Spur eines gigantischen, weit verzweigten Umweltskandals in der mittlerweile von Chemiekonzernen dominierten Stadt am Niagara. Die Menschen, denen diese Firmen gehören, kennt er nur allzu gut. Er ist mit ihnen aufgewachsen; von manchen glaubt er, dass sie seine Freunde sind. Diesen Irrtum bezahlt er zunächst mit einem verlorenen Prozess und anschließend mit seinem Leben. Auch Ariahs zweiter Ehemann verschwindet für immer in den reißenden, grünschäumenden Fluten der Wasserfälle. Man zwang ihn, die deadline zu überschreiten. Die stolze, verzweifelte Witwe und ihre drei Kinder verlieren ihren Status als eine der herausragenden Familien der Stadt und leben fortan in einer bescheidenen Gegend von Niagara Falls.
Dirk Burnaby wird nicht mehr erwähnt. Es ist, als hätte er nie existiert. Es gibt keinen "Daddy" in der Familie. Aber die Kinder werden erwachsen und sie haben Fragen, auf die sie Antworten haben wollen...
In epischer Breite, auf weit über 500 Seiten, entwirft Joyce Carol Oates vor einer grandiosen Kulisse die Geschichte einer amerikanischen Familie. Einen kostbaren Teppich aus Liebe, Tod, Erfolg, Verlust, des unermüdlichen Strebens nach Glück und der Bewältigung tiefen Leids breitet sie perfekt literarisch verwoben und mit der mühelosen Eleganz einer großen Erzählerin vor uns aus. Ihre Geschichte entwickelt einen ähnlich unwiderstehlichen Sog, wie ihn auch die Niagarafälle auf manche Menschen ausüben mögen. Abgründe der Natur und der Menschen gehen in diesem Buch Hand in Hand. Allein schon das lähmende Elend der ersten Ehe und das sich sofort anschließende himmelhochjauchzende Glück der zweiten ist Grund genug, nach diesem Buch zu greifen (und es bis zur letzten Seite nicht mehr loszulassen!). Das Lesen gleicht besonders im ersten Teil der Geschichte der Berg- und Talfahrt einer Achterbahn. Oh ja, Joyce Carol Oates ist auf der Höhe ihrer Kunst angekommen.
Helga Kurz
PS. Wer bei "Niagara" in erster Linie ans große Kino denkt, weil er von Marilyn Monroe fasziniert ist, sollte zu einem weiteren Roman von Joyce Carol Oates greifen: "Blond". Besser als jede Biografie, die je über Norma Jeane Baker geschrieben wurde.