Manche Musikerkarrieren verlaufen schnurgerade wie ein Highway in Texas. Andere scheinen dagegen einen Kreis zu beschreiben, und wieder andere dazu zählt auch die Biografie von Ray Wilson ähneln in der Heftigkeit durchmessener Höhen und Tiefen einer gigantischen Achterbahnfahrt: Von ganz, ganz oben ging es rasant nach unten und dann wieder zurück in die Rockstar-Stratosphäre. Was bleibt da als Erkenntnis nach solch einem Wechselbad der Gefühle? Ein grandioses Album wie The Next Best Thing zwölf leidenschaftliche Songs zwischen Rock und Folk: ein einziges Bekenntnis zur schieren Macht der Musik.
Nein, es wird sich nicht vermeiden lassen, dass der 36jährige, aus der mittelalterlichen Märchenstadt Edinburgh stammende Schotte zeitlebens auf sein Karriere-Kapitel Genesis angesprochen wird. Egal was Ray Wilson musikalisch auch machen wird den Schatten dieser Lichtgestalten der Rockmusik wird er nicht abstreifen können. Aber will er das überhaupt? In The Actor, einem über viereinhalb Minuten langen Track von The Next Best Thing gewährt er Einblicke in seine zwar verarbeitete, keinesfalls aber vergessene Erfahrung mit der britischen Supergroup. Er erzählt in diesem autobiografisch eingefärbten Song, wie er sich nach dem Genesis-Album Calling All Stations und der nachfolgenden Welttour fühlte in jenem Moment, als der letzte Vorhang fiel, die Multiplatin-Gruppe sich auflöste und einen Ray Wilson zurück ließ, der gerade erst dabei war, sich an diese ungeheuerliche Dimension zu gewöhnen: I felt like an actor who had lost his audience.
Ein in gewisser Weise typisches Statement für Wilson. Ein Satz wie seine Musik. Melancholie schwingt darin, Nachdenklichkeit und schonungslose Ehrlichkeit; aber auch die Bereitschaft sich zu öffnen, Dinge zu verarbeiten und sich dadurch in guter, alter Singer/Songwriter-Tradition selbst in gewisser Weise zu therapieren. Heute weiß er, dass die Zeit bei Genesis letztendlich ein Privileg war, um das ihn Tausende talentierter Sänger beneiden. Mehr noch: Es war auch eine Art Eliteschule. Er sagt: Damals habe ich über Songwriting unglaublich viel lernen können. Für The Next Best Thing wollte ich mit meiner Stimme zum Beispiel auf eine melodische Reise gehen. Die Art wie ich an manche Songs heran ging, ähnelte der Arbeitsweise bei Genesis.
Das hört man auch, zumindest in Titeln wie The Fool In Me, Adolescent Breakdown oder Sometimes, wo kraftvolle Keyboard-Akkorde auf hymnische Meldodien und metaphernreiche Textzeilen stoßen. Das Schöne dabei: Ray Wilson gelingt es zusammen mit einer erstklassig besetzten Musikerriege (darunter Ex-Genesis-Kollege Drummer Nir Z und Gun- und Fish-Sideman Irvin Duguid an den Keyboards), opulente Arrangements in ein maßgeschneidertes modernes Klangkostüm zu hüllen. Ein Kunststück, das dem Sänger mit der charismatischen Stimme jetzt auch bei Inside noch einmal glückt Ray Wilsons erstem Top-Hit aus seiner Zeit als Sänger der schottischen Grunge-Band Stiltskin. Vor rund zehn Jahren landete dieser Song, der auch als Jingle für die Jeans-Firma Levis zum Einsatz kam, in Großbritannien auf Platz eins und nahezu in ganz Europa auf vorderen Charts-Plätzen. Die Leute können sich an dem Lied einfach nicht satt hören, sagt er und er muss es wissen, denn seit Jahren ist Inside eine feste Größe in der Setlist seiner Live-Shows.
Natürlich zeigt das von ihm produzierte und in seinem Jaggy Thorn-Studio aufgenommene Album auch Wilsons ruhige, introvertierte Seite. In Titeln wie Ever The Reason und How High führt er jene akustischen Töne fort, mit denen er auf seinem letzten Album Change so kunstvoll gespielt hat. The Next Best Thing geht deshalb als musikalische Visitenkarte des schottischen Ausnahmekünstlers durch. Als Zwischenbilanz seiner facettenreichen Karriere sieht er die CD aber nicht: Für mich ist das ein natürlicher Prozess, eine stetige Weiterentwicklung, in der momentan E-Gitarre und die härtere Sounds eben wieder stärker im Vordergrund stehen.