Mich hat zunächst die Idee fasziniert, die dem Buch zugrunde liegt: Die Geschichte New Yorks von seiner Gründung bis in die Gegenwart anhand einer fiktiven Familienchronik wiederzugeben, die sich über den gesamten oben genannten Zeitraum erstreckt.
Die Realität des Buches sah dann aber ganz anders aus. In erster Linie ist es eine ziemlich belanglose Aneinanderreihung von Romanzen und mehrere Dutzend Seiten langen Beschreibungen von Schlachten und Scharmützeln. Dabei sind die fiktiven Charaktere absolut oberflächlich und belanglos geraten. Hübsch und intelligent sind zwei Adjektive, die auf mindestens 95% der Personen zutreffen, super erfolgreich im Geschäft und wahre Helden in Liebesdingen, um die Familien mit ausreichend Nachfahren zu versorgen, um das teils etwas holperig zusammengeschusterte Werk am Leben zu erhalten (es kreuzen sich über Jahrhunderte immer wieder die Wege der Nachfahren einiger weniger Clans).
Rutherford steigert sich bisweilen in derart ausschweifende, langweilig geschriebene und für den Verlauf der Geschichte völlig bedeutungslose Details hinein, dass es streckenweise genügt, über zehn, zwanzig Seiten hinweg die Absätze nur jeweils anzulesen und dann zum nächsten zu springen. Das Buch hätte problemlos um die Hälfte kürzer ausfallen können, und es wäre trotzdem alles gesagt worden, was Rutherford sagen wollte.
Besonders deutlich wird die langweilige und teils geradezu lust- und ideenlose Aufbereitung der Geschichte, wenn man das Buch mit einem Werk vergleicht, das Rutherford als Vorlage gedient haben könnte: Die Buddenbrooks von Thomas Mann. Im Allgemeinen gilt Die Buddenbrooks als ziemlich dröger Stoff, weil die eigentlich relativ unspektakuläre Geschichte einer Kaufmannsfamilie vor dem tatsächlichen historischen Hintergund erzählt wird. Rutherford versetzt das Thema nach Amerika, widmet sich auch den Kaufleuten und strukturiert sein Buch sogar identisch wie Thomas Mann in größere Abschnitte die die Zeitsprünge repräsentieren, die jeweils wieder in Kapitel unterteilt sind.
Die Unterschiede treten bei der Qualität des Werkes zu Tage. Während Thomas Mann mit Ironie, Witz und Originalität dem eigentlich eher langweiligen Stoff rund um die Buddenbrooks Gesicht und Klasse verleiht und die Geschichte spannend und lesenswert, je streckenweise sogar urkomisch macht, versteht es Rutherford den eigentlich viel viel interessanteren Ansatz "New York" komplett belanglos totzuschreiben.
Ganz knapp an der totalen literarischen Katastrophe vorbei schrammt Rutherford nur dadurch, dass er immerhin den Wandel des großen Business vom Fellhandel mit den Indianerstämmen bis hin zur Börsenspekulation anschaulich, wenn auch viel zu ausführlich, darstellt und ganz zum Ende auch noch das heutige New York und die Eigenheiten der Hausgemeinschaften und des sozialen Gefüges relativ plastisch skizziert.
Richtig schlimm ist es hingegen, wie einseitig das Buch ist, New York ist mehr als nur der Handel mit Fellen und Aktien. Die Stadt New York ist vielschichtig und spannend, hat Probleme und wahre Wunder zu bieten und ist in vielen Beziehungen einzigartig. Rutherford hingegen lässt die Stadt zu einer billigen, platten und aussagelosen Kulisse für seine Geschichte verblassen. Dass dann zu allem Überfluss auch gerade noch die Anschläge auf das World Trade Center den Schluss des Erzählstranges bilden, ist wie eine Hommage an die Terroristen, denn mit dem 11. September scheint sich das Thema New York für Rutherford erledigt zu haben.
Das Buch würde ich mir mit dem heutigen Wissen auf keinen Fall kaufen. Wer einen spannenden historischen Roman mit fiktiven Kaufmannsleuten sucht, der ist mit den Buddenbrooks und Thomas Manns bizarren Charakteren wesentlich besser bedient. Der Klassiker bringt einem zum Staunen und Lachen, die New-York-Erzählung Rutherfords hingegen nur zum Gähnen. Schade drum!