Die Kritik mancher Fans am letztjährigen ''Scratch my back'' wird mit ''New blood'' sicherlich auch wieder eben das bekommen, frisches Blut. Wieder kein neues Material, Orchesterumsetzung wie das gerade viele Künstler aus der Generation machen. Und weil auf der folgenden Livetour natürlich die Coverversionen von ''Scratch my Back'' nicht den ganzen Abend füllen konnten, wurden direkt noch eine Reihe eigener Songs gecovert und dem werten Käufer mit diesem Paket angeboten.
Ich möchte natürlich niemandens Meinung schlechtmachen, wer so denkt sollte vielleicht nicht weiterlesen und wahrscheinlich noch viel weniger das Album kaufen, um sich dann zu ärgern und im Nachhinein die eigene Meinung bestätigt zu bekommen.
'New Blood' ist faszinierend geworden, Gabriel entkernt Teile sein Oevre und schaft dabei einen wunderbaren Spagat, einerseits opulenter und gleichzeitig karger zu werden. Diesen Weg muss man bewusst mitgehen wollen, dann eröffnen sich neue Landschaften. Die Neuumsetzung der Songs ist an manchen Stellen trotz den fast 4 Dutzend starken Orchesters musikalisch minimalistisch aber emotional überwältigend und mitreissend.
Die Trackauswahl ist bedacht, manche der üblichen Verdächtigen wie 'Sledge Hammer', 'Biko' oder 'Games without frontiers' werden weggelassen, andere Songs wie INTRUDER, der paranoide opener des dritten PG Albums tauchen überraschend auf. An manchen Stellen ist die Grundstimmung noch sehr ähnlich zum Original, DON'T GIVE UP beispielsweise. Kate Bush Part wird von Ane Brun übernommen. Was auch beim ersten Hören durch die zittrige Björk ähnliche Stimme vielleicht noch etwas irritierend sein mag, wird bei jedem weiteren Hören immer passender, schöner. Songs wie RYTHM OF THE HEAT werden komplett zerlegt. Gerade dieser Song komplett ohne die treibenden Percussions. Hört sich beim Lesen vielleicht vollkommen unsinnig an, das Orchester schafft es aber, ihn vorantreibend umzusetzen, die Unruhe bleibt. Faszinierend. Andere Songs wie SAN JACINTO waren im Original schon eher symphonisch angelegt, und behalten ihre Grundstimmung, wenn sie natürlich auch den Popmoment verlieren. Ein absolut berührendes Highlight des Albums, PG atmet den puren Soul in dieser Neubearbeitung aus. Weitere Highlights, das fast schon zu fröhliche IN YOUR EYES, das grossartige DARKNESS, das eben das ist, düster und das damals eher untergegange DOWNSIDE UP vom OVO Projekt, wieder mit Tochter Melanie, die gesanglich immer besser wird, als Backing Vocal. Und natürlich WALLFLOWER, der für mich intensivste Song des Albums, die Orchesterumsetzung gibt dieser nachdenklichen Hymne den richtigen Hintergrund.
An manchen Stellen springt der Funke nicht über, bleibt der Zugang zur neuen Umsetzung verschlossen, für mich beispielsweise in DIGGING IN THE DIRT. Über den einzig neuen Titel A QUIET Moment schweige ich auch lieber. Im grossen und ganzen ist Album aber faszinierend und wunderschön. Und schliesst mit dem sehr nahe am Original gehalten SOLLSBURY HILL fast schon wieder versöhnlich.
Die Disc 2 mit den puren Instrumentaltracks kann ich leider nicht empfehlen, hier fehlt für meine Ohren einfach das wichtigste Element.
Man braucht etwas Zeit und man sollte diesen Schritt auch wie gesagt bewusst gehen wollen. Wenn nicht, dann lieber doch zu den alten Alben greifen und bitte nicht allzu sarkastisch kritteln... ein neues Album ist ja schliesslich schon lange angekündigt ;-)