Neil Gaiman ist ein unbestritten begabter Autor phantastischer Geschichten. Das merkt man seinem Roman NEVERWHERE auch an, von Anfang bis Ende: überall projiziert seine überbordende Phantasie abstruse Bilder in den Kopf des Lesers. Dennoch war ich während des Lesens und insbesondere am Ende des Romans richtiggehend enttäuscht.
Warum? Gaiman entwirft eine phantastische Welt jenseits unserer Welt, einen Gegenwelt des London Below, die nur so von schattenhaften, geheimnisvollen Wesen wimmelt und in der das Leben hinter jeder Ecke eine unvorhergesehene Wendung nehmen kann. So weit, so gut. Aber in diesem Gewimmel von London Below verliert Gaiman zusehends den Faden. Insbesondere seine Hauptfigur, der durchschnittliche Angestellte Richard Mayhew, der unerwartet und ungewollt aus seiner Existenz im vorhersehbaren und alltäglichen London Above gerissen wird und sich in der Halbwelt des sich über das Londoner U-Bahnnetz, die Kanalisation und noch viel weiter erstreckenden London Below wieder- und zurechtfinden muss, bleibt bis zum Ende des Romans farblos und opak.
Dabei hat der Roman spannende Figuren: die junge Door, die in der Lage ist, Türen und andere Dinge zu öffnen; der Marquis de Carabas, der im besten Sinne des Wortes als ein Swashbuckler bezeichnet werden kann; die legendäre und geheimnisvolle Kämpferin Hunter; die gedungenen Mörder Mr Croup und Mr Vandemar, deren gruslig-selbstironische Performance noch den besten Anlass bietet, der Handlung weiter zu folgen. Um nur einige zu nennen. Es gibt einen Engel im Untergrund, eine Bruderschaft der Black Friars, eine Gemeinde der Rat-Speaker, die Kanalmenschen und Dutzende anderer Figuren, Orte, Ideen. Aber alles ist eigentümlich distanziert, bleibt unfassbar und im emotional-taktilen Sinne unbegreifbar.
Auf dem Einband der Taschenbuchausgabe wird aus einer Kritik der Minneapolis Start Tribune zitiert, das Buch sei "......imaginative, well-crafted [and] highly visual". Das ist keine Lüge. Aber gerade der letzte Punkt, die ausgeprägte Visualität dieses Romans ist das Problem, das ich mit ihm hatte: Mit keiner der Figuren konnte ich auch nur annähernd warm werden. Dagegen könnte man einwenden: London Below ist eine Antithese zu unserer Welt, darum kann man die Figuren nicht verstehen. Darauf würde ich erwidern: Aber Richard Mayhew kommt doch aus "meiner" Welt. Dann muss er doch mein Führer durch diese Welt jenseits unserer Welt sein: meine Augen, meine Ohren, meine Hände (und all das funktioniert bisweilen) und meine Gedanken (und das funktioniert leider nie).
Der Roman hat seinen Reiz, aber er löst vieles von dem, was an Potential in ihm steckt, nicht ein. Ich habe häufig gedacht: Gleich geht es richtig los! Aber dann ging es einfach nur weiter. Und weiter. Irgendwann war das Buch aus. Und ich wartete immer noch. Ich hatte mich nicht schlecht unterhalten, aber mein persönliches Fazit lautet: Es hätte so schön sein können!
Das sollte man von einem Buch nicht denken müssen. Dieses hier ist nicht schlecht, aber es ist aus genannten Gründen auch nicht gut. Schlagt mich, aber es ist so. Man darf es anschauen, aber nicht anfassen. Darum nur drei Sterne.
P.S.: Wie ich soeben gesehen habe, wurde der Roman in Großbritannien als Serie verfilmt
(neuerdings zu haben auf DVD) - und angesichts der visuellen Qualitäten des Romans könnte das wohl eine reizvolle Variante sein. Wer weiß ...