Im Gegenteil. Von vielen hörte man Empörung - wo wäre Mando Diaos Garagenrock geblieben, die E-Gitarren, das Fetzige. Solche Leute sollten sich den Bands widmen, die sich nicht weiter entwickeln und auf ihre Wurzeln schwören, sich ergo nie weit von diesen entfernen. Mando Diao hingegen wollen den Zuhörern zeigen, dass und wie sie sich ändern. Ob es das Alter, das Umfeld, die Erfahrungen sind spielt weniger eine Rolle. Vielmehr hat Gustaf Norén, einer der zwei Sänger, Recht, wenn er sagt, dass es heutzutage unzählbar viele Bands gibt, die man tatsächlich in die verrufenen Schubladen stecken kann, ganz ohne weiteres. Dem wollen Mando Diao entkommen. Mit "Never Seen The Light Of Day" haben sie dies geschafft.
Die anfangs angesprochenen Leute, denen die neuen Töne auf diesem Album missfallen, scheinen nicht zu bemerken, dass diese Tatsache bei Mando Diao absolut nichts Neues ist. Die drei Vorgänger - "Bring 'Em In", "Hurricane Bar" und "Ode to Ochrasy" - lassen sich ebenso wenig miteinander vergleichen, trugen alle gleichfalls Veränderungen mit sich. Mando Diao sagen: "Bring' Em In" ist das Album, das vor der Party läuft, "Hurricane Bar" läuft währenddessen und "Ode to Ochrasy" danach. "Never Seen the Light of Day" setzt diese Reihe fort, denn es ist das Album, das man am Morgen danach hört, das einen aufweckt aus dunklen, langen Nächten.
"Bring 'Em In" war ein Album, bestehend aus Demos, aufgenommen von fünf jungen Männern, die nur eins wollten: Raus kommen aus ihrem Kaff und die Welt erobern, dabei laut, hart, und möglichst arrogant sein. Bei "Hurricane Bar" standen sie bereits einige Stufen weiter oben, hatten mehr Möglichkeiten, das Album klang glatter, die Texte weniger aufmuckend. Und dann betourten sie die Welt, lernten sie ausführlich kennen, und schufen ihr "Ochrasy", das eine überaus weite Breite an Stilen aufwies. Und dann kommt der Winter nach der Tour, die lange Pause, in Schweden ist es dunkel und kalt, man möchte sich von bösen Plattenfirmen trennen, man schreibt seine von der allgemeinen Stimmung geprägten Gedanken nieder, man besinnt sich zurück zu seinen schwedischen Genen, lässt Streicher und viel mehr Akustikgitarren einfließen. Und es entsteht ein Album, das wie alle anderen auch von zwei wunderbaren Stimmen geprägt ist und von Schweden, die ihre Instrumente perfekt beherrschen, die es schaffen, mit ihren Melodien das zu vermitteln, was auch ihre Texte ausdrücken. Sei es Trauer oder Freude, Liebe oder Hass.
Das wohl Einzige, das immer gleich blieb bei Alben dieser Band: Ein überwältigendes Anfangslied. Nachdem man das erste Lied gehört hat, wusste man schon immer, was auf einen zukommen würde, und das letzte, was einem vorschwebte, war, die Musik auszustellen. Man wollte mehr hören. Auch nun mit "If I Don't Live Today, Then I Might Be Here Tomorrow", das einen mit seinen vielen Streichern und Björn Dixgårds einmaliger Stimme einfach nicht loslässt. Seine Stimme ist es auch, die das makellose, darauffolgende Stück "Never Seen the Light of Day", perfektioniert, ein Lied, das verdeutlicht, wo der Hörer, und wo auch Mando Diao sich befinden, geographisch, als auch emotional. Mit "Gold" hat die Band einen Song geschaffen, der sich perfekt in die Reihe ihrer - man möchte das Wort eigentlich kaum benutzen - Liebeslieder einbauen lässt; "You Can't Steal My Love" oder "The Wildfire (If It Was True)" beispielsweise. Mit Gustaf Noréns vielleicht einfachem, dennoch einprägsamen "Lalala" befinden wir uns wieder am Morgen nach der Party, die zugehörigen Streicher verbessern die Sicht. "I Don't Care What the People Say" spricht für sich. Die nahezu monotone Gesangsweise Dixgårds verdeutlicht die das Lied bestimmende Distanziertheit vom Geschehen, man möchte sich zurücklehnen und ihm dabei zu sehen, wie er zum Rhythmus des marschähnlichen Schlagzeugs eine zerstreute Straße hinabgeht und alles auf sich nehmen würde, wenn das Schicksal es so will. "Mexican Hardcore" rüttelt einen dann mit seiner Schnelle, teilweisen Blues-Einflößen wieder auf, deutlich ist wieder das Mando Diao-Bild zu erkennen, das sich manche nach "Ode to Ochrasy" geschaffen haben und auch die Tatsache, dass die Band sich nicht nur von den Beatles, Stones oder sonstwem beeinflussen lässt, sondern auch von Country- oder ähnlichen Genres. Des Weiteren hätte Dixgård mit diesem Song wohl eine Ergänzung für seine (Ex-)-Liebschaften-Songreihe. Und dann kommt Gustaf Norén mit "Macadam Cowboy" und man stellt sich vor seinem inneren Auge vor, wie er in seinem Schwedenhäuschen eine alte Platte auflegt, vielleicht von Ella Fitzgerald, die Verandatür öffnet und die wenigen Geräusche genießt. Und eben dann zu sich kommt und wieder zu dem Norén wurde, der schon bei "Sheepdog" rotzfrech in die Kamera glotzte - "Train On Fire", ebenso schnell wie "Mexican Hardcore", aber aggressiver, aufmüpfiger. Man spürt Noréns schelmisches Lächeln, wenn er singt "Tell my love we're gonna have a lot of fun, just sing lalala". Zu eben einem solchen Lächeln möchte man Björn Dixgård bringen, wenn er trostlos, aussichtslos die Akkorde auf seiner Akustikgitarre spielt und dazu "Not a Perfect Day" singt. In seiner Stimme liegt eine unverkennbare Überzeugungskraft und Ehrlichkeit, dass man es ihm auf Anhieb glaubt - "It's not a perfect day for love". Mit "Misty Mountains" findet man ihn und Norén dann irgendwo im Schwedischen Wald, den wenigen Sonnenstrahlen im Winter hinterherlaufend, sich Geschichten erzählend. Wieder einmal fließen ihre Stimmen nahezu perfekt nebeneinander, die Akustikgitarren fehlen auch hier nicht. In "One Blood" lässt sich schließlich das Highlight des Albums finden. Das unverkennbar fetzigste, lauteste, aggressivste Lied des Albums, das sich gegen alles und jeden richtet, der Gustaf Norén widersprechen oder ihn auch nur im Ansatz reizen möchte. Wen oder was er meint, wenn er singt "Other people are talking and thinking about you as we speak / But I've seen them out there as well / But you don't know them, do you!? / No, but they don't know me either / Well, they think they do, they think they do!", darüber lasse sich streiten. Klar ist, dass man ihn und die Band deutlich draußen stehen und kämpfen sieht. So wie Mando Diao es nun einmal immer tun.
"Never Seen the Light of Day" mag für einige also unglaublich abwegig und kein übliches Mando Diao-Album sein. Für mich ist es ein typisches Album einer Band, die versucht, ihre Zuhörer nicht zu langweilen, sich nach jedem aufgenommenen Lied nach etwas Anderem, etwas Neuem umsieht und dies fast immer nahezu einwandfrei umsetzen konnte.