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‚God save the queen / her fascist regime' ... ein paar Tage im Radio gespielt und schon verboten - dabei war dies noch einer der harmloseren Sprüche, mit denen Johnny Rotten (eigtl. John Lydon) und Gefolge sich an die Spitze der Punkbewegung setzten. In lockerer Folge wurde hier das sozialistische Ostberlin mit Bergen-Belsen verglichen (‚Holidays in the Sun'), Abtreibung als perverse blutspritzende Tötungsorgie dargestellt (‚Bodies'), der Antichrist als Anarchist glorifiziert (‚Anarchy in the UK') sowie, schon etwas harmloser, der narzistischen Egozentrik das Wort geredet (‚Feelings') und nebenbei die ursprüngliche Plattenfirma der Gruppe (mit der es dann doch keinen Vertrag gab) als Haufen dumpfer Idioten dargestellt (‚EMI').
Wie eine Bombe schlug dieses Album ein, vollkommen unerwartet und daher umso wirkungsvoller. Was dem Faß die Krone aufsetzte, waren nicht die unerträglichen Widersprüche - in ‚Anarchy for the UK' lamentieren die Sex Pistols, daß man eben doch kein Vereintes Königreich sei, obwohl man der (angolanischen) MPLA, der (irischen) UDA und der (noch irischeren) IRA getrotzt habe, doch im selben Lied plädieren sie lautstark für die Zerschlagung der britischen Zivilgesellschaft (offenbar die einzig adäquate Sex-Pistols-Lösung zur tatsächlichen Einigung des Königreichs) - sondern der Frontalangriff auf die Großen der Branche, allen voran die Stones.
Immer wieder verlautbarte John Lydon, man wolle Schluß machen mit all diesem erbärmlichen Rock'n'Roll-Gesäusel und eine Zeit einläuten, in der Holzfiguren wie Mick Jagger (O-Ton J. Lydon: ‚white nigger') nicht zu suchen haben.
Gut ein Jahr hat's gedauert, dann war's vorbei mit dem selbstbewußten Gekreische. Unmittelbar nach dem zweiten Konzert ihrer ersten Amerika-Tournee löste sich die Gruppe auf. Es gab dann noch den Film ‚The Great Rock'n'Roll Swindle' mit dazugehörigem Doppelalbum, doch während die Stones heute als entrückte Rock'n'Roll-Boddhisatvas freiwillig der Erleuchtung entsagen, um anderen ebenfalls den Eingang ins Musik-Nirwana zu ermöglichen, ist von den Sex Pistols nichts geblieben als eben jene eineinhalb Jahre, in denen sie dem Disco-Geheule der Bee Gees gegenüberstanden und sich mit der Aushebelung kanonisierter Legenden (Bowie, Jagger usw.) übernahmen.
Mal ganz abgesehen von den faschistoiden Koketterien ihres Bassisten Sid Vicious, der sich zunächst gedankenlos mit Hakenkreuzen schmückte, dann seine Freundin in der Badewanne aufschlitzte und zuletzt an einer Überdosis Heroin starb.
Oder jener Wiedervereinigungstournee durch Amerika 1996, als die neuen alten Sex Pistols genau das fortsetzten, was sie 1978 kurzfristig abbrachen. Wer sie gesehen hat, konnte kaum glauben, daß hier tatsächlich dieselben Leute noch einmal dasselbe spielten wie damals, denn anscheinend existierten die 18 Jahre dazwischen nicht und war es daher gleichgültig, daß die über 40jährigen sich gelassen weigerten, dazuzulernen. Eine derart groteske Tournee hatte es wohl zuletzt 18 Jahre zuvor gegeben, als ganze zwei Auftritte (Atlanta, San Francisco) reichten, den Namen ‚Sex Pistols' auch in den Staaten zum Schreckgespenst werden zu lassen.
Warum dieses Album dennoch bemerkenswert ist, erklärt sich zum einen aus der angenehm dröhnenden musikalischen Einheitssoße aus viereinhalb Akkorden - später nur noch von den Ramones untertroffen - und dem Umstand, daß kein Tonträger den Begriff ‚Punk' mit allem, was dazugehört, besser auf den Punkt bringt als diese Platte/CD, angefangen von der mittlerweile klassischen Hüllengestaltung mit ihren famos stechenden Farben bis hin zum Gesinnungsgruß einer ganzen Bewegung: ‚no future / no future / no future for me'.
Man muß sie gehört haben, die Sex Pistols. Zum Vergleich: Während die heutige Musikindustrie Figuren wie Elton John dazu bringt, auf dem Begräbnis Diana Spencers zu singen, mieteten die Sex Pistols zum 25jährigen Thronjubiläum Königin Elizabeths (1977) einen Kahn, mit dem sie die Themse hinauf zum Buckingham-Palast fuhren und die Feierlichkeiten durch die Darbietung ihrer eigenen Version von ‚God Save the Queen' bereicherten - bis die Polizei das Boot enterte. Und während Mick Jagger die ehemalige kanadische Präsidentengattin Margaret Trudeau zum Stelldichein im geschlitzten Kleid bat, sang John Lydon den Sinatra-Klassiker ‚My Way' gemeinsam mit dem flüchtigen Posträuber Ronnie Biggs in dessen Exil in Rio de Janeiro.
Obwohl vieles dafür spricht, daß die Sex Pistols letztlich ein von ihrem Manager Malcolm McLaren konzipiertes Investitionsprojekt waren (Lydon prozessierte erfolgreich gegen McLaren um die Tantiemenrechte), das sich beliebig manipulieren ließ - der Einfluß dieser Platte ist unbestreitbar. ‚Never Mind the Bollocks' hat die Geschichte der Rockmusik verändert: Das Album steht am Anfang der gesamten Punk-Nachfolgebewegung des New Wave, welche die frühen und mittleren 80er Jahre dominierte. Auf dem Parcours der schnellebigen Rockmusik sind die Sex Pistols nach wie vor eine gefährliche Schikane, bei der man erstmal vom Gas muß, um sich kurz zudröhnen zu lassen. Wer geradeaus brettert, hat den Übergang von den Hardrockgruppen der Siebziger (Deep Purple, Led Zeppelin u.a.) zu den mittlerweile ausdifferenzierten Underground/Heavy/Indie-Klängen, die allesamt den Sex Pistols entweder geistig oder musikalisch verpflichtet sind, entweder übersehen oder bewußt ignoriert. Deshalb lieber Sex Pistols hören - noch immer die netteste Dröhung der letzten Generation.
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