Was lesen wir denn da auf dem Titelblatt vom Harvard Business Manager, Ausgabe Januar 2009? "Die Neuerfindung des Managers." Lösen sich in der weltweiten Finanzkrise also nicht nur Milliarden, sondern auch lieb gewonnene Mythen in Luft auf? Ist der Mensch doch nicht so rational, wie das an Kaderschmieden für künftige CEOs gelehrt wird? Sind Verhaltensmuster doch stabiler, als Führungstrainer uns weismachen wollen? Fest steht jedenfalls, dass die gegenwärtige Krise ein Zeitfenster öffnet, durch das Erkenntnisse in die Öffentlichkeit gelangen, die bisher eher belächelt oder gar nicht wahrgenommen wurden. Kurz, das Buch von Christian E. Elger erscheint gerade zum richtigen Moment. Die Neurowissenschaftler haben auch zum Thema Leadership etwas zu sagen.
Der Autor ist Direktor der Klinik für Epileptologie in Bonn. Und er gehört zu den Forschern, die Erkenntnisse der kognitiven Neurowissenschaft in den praktischen Alltag überführen möchten. Also beschäftigt er sich auch mit Neuroökonomie und Neuromarketing. In diesem Buch geht es allerdings in erster Linie um Anwendungen im Führungsverhalten, was Christian E. Elger auch gleich auf den ersten Seiten klar macht. Und die Frage, ob Neuroleadership nur alter Wein in neuen Schläuchen sei, beantwortet er mit Jein. Denn selbstverständlich wird der Mensch in den Labors der Neurowissenschaftler nicht neu erfunden. Aber neu ist, dass es immer schwieriger wird, die Existenz eines Homo oeconomicus mit naturwissenschaftlichen Mitteln zu beweisen. Oder ganz banal gesagt, was der gesunde Menschenverstand schon längst ahnte, wird nun auch an Universitäten entdeckt. Was das ist, erfährt der Leser im ersten Kapitel, in dem die wichtigsten Eigenschaften und Funktionen des Gehirns erklärt werden. Im zweiten Kapitel wird ersichtlich, warum ein paar einfache Prinzipien genügen, ein so komplexes System wie das menschliche Gehirn zu steuern und warum wir begrenzte Kapazitäten besser akzeptieren sollten. Im Zentrum des vierten Kapitels stehen dann die wichtigsten Gehirnsysteme für die Führungspraxis. Nach diesem Einblick in das Belohnung-, Emotions-, Gedächtnis-, und Entscheidungssystem kommt der Teil, den ich für den wichtigsten halte und der letztlich zur Höchstbewertung führte. Er heisst: "Neuroleadership in typischen Situationen des Führungsalltags."
Um den Kern von Elgers Aussagen zusammenzufassen und beim Leser Neugier zu wecken, zähle ich die vorgestellten sieben Grundregeln auf. Sie lauten: Das Belohnungssystem ist die zentrale Schaltstelle. - Das Ultimatumspiel gilt überall. - Vorinformationen beeinflussen die Erwartungen und das Verhalten. - Das Gehirn ist anders. - Es gibt keine Fakten ohne Emotionen. - Erfahrungen bestimmen das Verhalten. - Situationen können eine nicht vorhersagbare Eigendynamik entwickeln. Diese Regeln mögen einige Leser nicht überraschen. Aber wenn man sie im praktischen Alltag des Führens konsequent berücksichtigen will, muss sich doch einiges ändern. Dass der Autor eher zu wenig auf die Folgen eingeht, die sich bei radikaler Anwendung ergeben, ist einer der Schwachpunkte dieses Buches. Denn zu den Erkenntnissen der Neurowissenschaftler gehört eben auch, dass wir uns die Geschichten so zurechtlegen, wie sie für uns erträglich sind. Wenn Christian E. Elger Sperriges in Watte einpackt, Helden nicht aufs Podest lässt und seinen Lesern zu viele theoretische Fluchtwege anbietet, ist die Gefahr gross, bei bekannten Verhaltensmustern zu bleiben.
Mein Fazit: Die Maximalbewertung erhält der Autor vor allem, weil er im deutschen Sprachraum Pionierarbeit leistet und die Neurowissenschaften in die Teppichetagen trägt. Damit leistet er einen wichtigen Beitrag zur Wahrnehmung und Akzeptanz eines interdisziplinären Forschungsgebietes, das uns in den nächsten Jahren noch stärker beschäftigen wird, als vielen lieb ist. Der Anfang ist gemacht. Auf diesem Buch können andere Autoren aufbauen und Führungsmodelle entwickeln, die dem menschlichen Wesen besser entsprechen als die bisherigen.