Der Beginn der Neuroökonomik ist wohl auf das Jahr 1990 zu datieren. Damals erschienen die ersten einschlägigen Texte, es waren wohl nicht mehr als 8 oder 10. 2007 ist die Zahl schon auf über 140 angewachsen. Der Siegeszug dieser neuen Wissenschaft ist wohl nicht mehr aufzuhalten. Der Wissenschaftshistoriker und Wissenschaftsphilosoph Thomas S. Kuhn (
The Structure of Scientific Revolutions; deutsch:
Suhrkamp Taschenbücher Wissenschaft, Nr.25, Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen) hätte seine helle Freude daran: Ein altes 'Paradigma' wird durch ein neues ersetzt, nicht zuletzt dadurch, dass die Anomalien des alten überhand nehmen und dass die Vertreter des alten pensioniert werden und junge Wissenschaftler nachwachsen.
Im ersten Kapitel ("Introduction: A Brief History of Neuroeconomics") stellen die vier Herausgeber Paul W. Glimcher, Colin F. Camerer, Ernst Fehr und Russel A. Poldrack in einer sehr klaren, durchsichtigen Weise die Neoklassische Revolution der Ökonomik in den 1930er Jahren vor. Zentral für dieses 'Paradigma' ist zunächst das "Weak Axiom of Revealed Preference" (WARP) von Paul Samuelson: Wenn eine Konsumentin einen Apfel, nicht aber eine Orange wählt, offenbart sie damit eine Präferenz für Äpfel. Mit WARP kann - erkennbar! - diese Wahl nicht befriedigend erklärt werden, weil eine solche Erklärung zirkulär wäre. (Viele neoklassische Ökonomen scheinen das partout nicht einzusehen!)
1950 wurde von Hendrik Samuel Houthakker das "Generalized Axiom of Revealed Preference" (GARP) präsentiert. Es besagt, dass geoffenbarte Präferenzen transitiv sind: Wenn eine Person eine Präferenz von Äpfeln gegenüber Orangen offenbart und eine Präferenz von Orangen gegenüber Birnen, dann offenbart sie auch eine Präferenz von Äpfeln gegenüber Birnen. Dieses Axiom lässt sich also, so scheint es, für prognostische Zwecke einsetzen. Bedauerlicherweise sind geoffenbarte Präferenzen, d. h. Wahlhandlungen in vielen Fällen n i c h t transitiv.
Notwendig ist eine Wissenschaft, die Präferenzen oder Bewertungen von Gütern oder Güterbündeln oder Entscheidungen unabhängig vom tatsächlichen Verhalten identifizieren und ihre Entstehung erklären kann.
Die ersten Schritte in diese Richtung haben vor allem zwei Psychologen, nämlich Amos Tversky und Daniel Kahneman, und ein Ökonom, nämlich Richard Thaler, unternommen. Sie haben überzeugend - theoretisch und empirisch - gezeigt, dass mit empirischer Psychologie die Sterilität und Falschheit vieler mikro-ökonomischer Hypothesen überwunden werden kann.
Dokumentiert sind diese Forschungen in den folgenden Büchern:
Daniel Kahneman, Paul Slovic & Amos Tversky (Hrsg.):
Judgment Under Uncertainty: Heuristics and Biases,
Daniel Kahneman & Amos Tversky (Hrsg.):
Choices, Values and Frames,
Thomas Gilovich, Dale Griffin & Daniel Kahneman (Hrsg.):
Heuristics and Biases: The Psychology of Intuitive Judgment,
Amos Tversky:
Preference, Belief, and Similarity: Selected Writings,
Richard H. Thaler:
The Winner's Curse: Paradoxes and Anomalies of Economic Life,
Richard H. Thaler:
Quasi Rational Economics,
Colin F. Camerer, George Loewenstein & Matthew Rabin:
Advances in Behavioral Economics (Roundtable Series in Behavioral Economics).
(Daniel Kahneman hat für seine wissenschaftlichen Leistungen, zusammen mit dem Experimentalökonomen Vernon L. Smith, im Jahre 2002 den Preis für Wirtschaftswissenschaften der schwedischen Reichsbank in Gedenken an Alfred Nobel erhalten. Wenn Amos Tversky nicht schon 1996 gestorben wäre, wäre auch ihm der Nobel-Preis sicher gewesen.)
Die Neuroökonomik geht noch einen Schritt weiter als die Verhaltensökonomik, indem sie das neuronale und physiologische Geschehen, das Urteilen und Wahlhandungen zugrunde liegt, untersucht.
Außer dem einleitenden Kapitel habe ich mir die folgenden Kapitel etwas näher angeschaut:
3. Andrew Caplin & Mark Dean: "Axiomatic Neuroeconomics":
Die Axiomatisierung einer wissenschaftlichen Theorie ist kein Selbstzweck, obwohl man bei der Lektüre vieler Lehrbücher der Mikroökonomik g e n a u d i e s e n Eindruck gewinnen muss.
Wenn eine Theorie als Axiomensystem vorliegt, kann recht schnell entschieden werden, ob diese Theorie widerspruchsfrei ist. Weiterhin lässt sich rasch und eindeutig entscheiden, welche Theoreme aus dieser Theorie ableitbar sind.
(Eine sehr gute Einführung in die Axiomatische Methode bietet nach wie vor
Introduction to Logic, Kapitel 12 ("Set-Theoretic Foundations of the Axiomatic Method"), von Patrick Suppes.)
Die Axiomatische Neuroökonomik besteht aus 2 Definitionen und 3 Axiomen. In der (recht komplexen) Definition 1 wird u. a. eine Funktion definiert, die die Freigabe von Dopamin betrifft. In der (nicht minder komplexen) Definition 2 geht es um den "dopaminergic reward prediction error" (DRPE). Die drei Axiome betreffen die Kohärente Preis-Dominanz, die Kohärente Lotterie-Dominanz und die Nicht-Überraschungsäquivalenz. Ohne Abstrakte-Algebra-, Neurologie-, Physiologie- und Ökonomik-Kenntnisse dürften diese Sätze nicht ohne weiteres verständlich sein. Man muss glücklicherweise dieses Kapitel aber nicht vollständig verstanden haben, um weiterlesen zu können.
7. Laurie R. Santos & M. Keith Chen: "The Evolution of Rational and Irrational Economic Behavior: Evidence and Insight from a Non-human Primate Species":
Unter anderem wird der Frage erörtert, ob Kapuzineräffchen sich gemäß der neoklassischen Preistheorie verhalten.
10. Elke U. Weber & Eric L. Johnson: "Decisions Under Uncertainty: Psychological, Economic, and Neuroeconomic Explanations of Risk Preference":
Psychologische und neurowissenschaftliche Erkenntnisse sind - naheliegenderweise! - besser geeignet, Entscheidungen unter Unsicherheit zu erklären und vorherzusagen als normative Entscheidungstheorien.
13. Colin Camerer: "Behavioral Game Theory and the Neural Basis of Strategic Choice":
Die (mathematische) Spieltheorie ist als empirische Theorie des tatsächlichen Verhaltens von Individuen nur sehr eingeschränkt brauchbar. Sie muss angereichert werden um die empirisch gewonnenen Erkenntnisse, dass Individuen sehr häufig nicht strategisch handeln, dass die Bewertung von 'payoffs' häufig 'soziale' Komponenten jenseits des puren Eigeninteresses einschließen und dass Spieler lernfähig sind.
15. Ernst Fehr: "Social Preferences and the Brain":
Empirische Experimente zeigen reproduzierbar, dass die meisten Menschen Regeln der Fairness anhängen, dass sie eine Aversion gegen Unbilligkeit ("inequity aversion") haben und dass sie sich für das Wohlergehen von Gruppen, nicht nur für das eigene Wohlergehen, einsetzen.
16. Elizabeth A. Phelps: "The Study of Emotion in Neuroeconomics":
Das Wechselspiel von Wert (oder Nutzen), Emotion und Wahl kann durch die Neurowissenschaft der Affekte vor allem dahin aufgeklärt werden, dass eine strenge Unterscheidung zwischen Emotionalität und Rationalität nicht länger vertreten werden kann.
19. Sarah F. Brosnan: "Responses to Inequity in Non-human Primates":
Die Reaktionen auf Ungerechtigkeit oder grobe Unbilligkeit sind bei Menschen wie bei nicht-menschlichen Primaten ganz ähnlich.
21. Wolfram Schultz: "Midbrain Dopamine Neurons: A Retina of the Reward System?":
So wie die Netzhaut des Auges Informationen von elektromagnetischen Wellen in Aktionspotentiale transformiert, so übertragen Dopamin-Neuronen Informationen aus multisensorischen Stimuli in Aktionspotentiale, die Belohnungen signalisieren.
25. Brian Knutson, Maricio R. Delgado & Paul E. M. Phillips: "Representations of Subjective Value in the Striatum":
Neurowissenschaftliche Erkenntnisse legen nahe, dass Bewertungen dynamische, aus Komponenten zusamnmengesetzte und letztlich subjektive Prozesse sind. Das Corpus striatum, das aus dem Nucleus caudatus, dem Putamen und dem Nucleus accumbens besteht, scheint dabei eine entscheidende Rolle zu spielen.
29. Michael Platt & Camillo Padoa-Schioppa: "Neuronal Representations of Value":
Werte werden auf verschiedene Weisen im Primatengehirn repräsentiert.
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