Nicht überall, wo "Neuro" drauf steht, lohnt sich der Blick ins Innere. Denn die Erkenntnisse der Neurowissenschaftler werden auch vielfach dazu missbraucht, das Ablaufdatum überholter Theorien künstlich zu verlängern. Was zum Beispiel unter den Stichwort der Hirnhemisphären alles verkauft wird, hat geradezu kabarettistischen Charakter. Daher sind Sammelbände wie dieser Lichtblick und Notwendigkeit zugleich. Zumal es ja immerhin um den arg umkämpften Schauplatz des Lehrens und Lernens geht.
Erschienen ist diese Bestandsaufnahme zum ersten Mal im Jahre 2006. Und da seither weiter geforscht wurde, finden sich in der zweiten Auflage auch neue Beiträge von Joachim Bauer, Gerald Hüther, Arthur M. Jacobs und Peter Theurl. Sie werden mit den bisherigen Aufsätzen in drei Kapitel geordnet. Lernen als Thema der Neurowissenschaften - Gehirnforschung und Pädagogik auf dem Weg zur Neurodidaktik - Lernen und Lehren neurodidaktisch angeleitet.
Die ausgewählten Autoren sind in den verschiedensten Forschungsgebieten zu Hause und gewährleisten daher ein breites Spektrum sowie kontroverse Meinungen. Auch wenn nicht alle Verfasser so unterhaltsam schreiben wie Manfred Spitzer, sind ihre Texte so formuliert, dass sie auch von interessierten Laien verstanden werden können. Zudem erfordert das Konzept auch nicht, dass man alle Beiträge der Reihe nach liest. Die Frage, ob jeder Autor die vertretenen Thesen schon selber umgesetzt, muss ich verneinen. Es fehlen Bilder und Geschichten, die das Geschriebene noch besser veranschaulichen würden. Aber verglichen mit Werken ähnlicher Art bewegt sich dieser Sammelband doch klar über dem Durchschnitt didaktischer Darbietungen.
Mein Fazit: Für alle Psychologen und Pädagogen, die wissen möchten, wie die Beiträge der Neurowissenschaften zu bewerten sind und wo noch intensiver geforscht werden sollte. Die erweiterte Auflage von 2009 enthält einige interessante neue Aufsätze, so dass sich der Kauf sogar für die Besitzer der Erstauflage lohnen könnte. Schade finde ich, dass man sich bei der Aktualisierung der Literaturangaben allzu sehr zurückhielt.