Allem Anschein nach hat der Autor, selbst Psychotherapeut, dieses Werk hauptsächlich für Therapeuten geschrieben, nicht zuletzt um sie auf die Vorgänge im Gehirn (bei Patient und Therapeut) während einer Therapie und auf die umfassenden Möglichkeiten hinzuweisen, die die Flexibilität und Plastizität neuronaler "Netzwerke" bieten. Man spürt, dass es von großem Optimismus getragen ist. Im Mittelpunkt steht die Bedeutung mitmenschlicher Beziehungen und Bindungen für die Bildung und Umstrukturierung von Gehirnstrukturen, angefangen von der pränatalen Zeit über sämtliche Entwicklungsphasen des Menschen. Auch die Biochemie wird nicht außer Acht gelassen.
Der Autor bietet eine ungeheure Fülle an Informationen, die er für sein Grundthema, das "soziale Gehirn", fruchtbar macht. Dabei versucht er, alle wesentlichen Themen (Liebe, Körper, Emotionen, Gedächtnis, Sprache, Resonanz und vieles mehr) miteinzubeziehen. Beachtlich ist, wie man mit zunehmender Lektüre ein wachsendes Feeling für das organische Zusammenwirken sämtlicher neuronalen Strukturen bekommt und sich eine "Resonanz" zum Thema Gehirn entwickelt. Allerdings wird man ohne Vorkenntnisse in Neuroanatomie sicher nicht voll in diesen Genuß kommen. Ein aufgeschlagener Atlas für Gehirnanatomie kann während der Lektüre sicher nicht schaden. Alles in allem ist eine derartige Zusammenschau von neurobiologischen Forschungsergebnissen zum Thema "Beziehung" derzeit wohl einmalig und stellt eine herausragende Leistung dar. Ich selbst habe für meine therapeutische Arbeit eine unschätzbare Anregung erhalten und kann dem Autor nur große Anerkennung zollen.
Natürlich kann ein solches umfassendes Erstprojekt nicht ohne Schwächen bleiben, die gegenüber den Vorzügen jedoch wenig ins Gewicht fallen. Ich habe den Eindruck, der Autor konnte sich nicht entscheiden, ob er ein Lehrbuch oder eine Erzählung schreiben wollte, und so hat er sich für einen nicht immer überzeugenden Kompromiß entschieden. Manchmal reiht er einfach nur Fakten und Gehirnareale aneinander oder verliert sich in verwirrenden Einzelheiten, ohne dass der übergeordnete Zusammenhang sichtbar würde. Dann wird das Lesen mühsam und zäh. Hat man sich durch diese Passagen durchgebissen, folgen wieder lebendige bis geniale Formulierungen, man kann wieder einschwingen. Es entspricht fast dem Muster einer Art der von ihm beschriebenen Säuglingsbeziehung.
Auf einzelne sachliche Schnitzer und, wie in der Biologie üblich, auf die Überstrapazierung des Evolutionsbegriffs will ich hier nicht eingehen. Im Äußeren weist das Buch noch Schwächen auf, die man beheben könnte: Die Zeichnungen sind im allgemeinen untauglich, verwirren mehr als dass sie erläutern und sind teilweise falsch beschriftet. Wenn man schon so ein dickes Papier nimmt, dann hätte man aussagekräftige farbige Zeichnungen mit ausführlichen Erläuterungen anbringen können, das hätte über den Text hinaus zu einem weiteren Gewinn geführt. Ziemlich störend finde ich die unglaubliche Menge an Druckfehlern und grammatischen Unstimmigkeiten in dieser deutschen Ausgabe, da hat man absolut unsorgfältig gearbeitet.
Ich danke dem Autor für dieses große Werk, das zumindest bei mir als psychotherapeutischem Leser auf fruchtbaren Boden gefallen ist.