Sigmund Freud war bekanntlich Neurologe und hoffte Zeitlebens, dass die von ihm entwickelte Psychoanalyse irgendwann wieder in der Physiologie aufgehen und in der Gehirnforschung eine solide Basis erhalten könne. Noch 1937 rechtfertigte er seine Theorien mit den Worten: Für das Psychische spielt das Biologische wirklich die Rolle des unterliegenden, gewachsenen Felsens. Es ist fast schade, dass er das von Prof. Günter Schiepek herausgegebene Buch nicht mehr hat lesen können. Der weit über 500 Seiten umfassende Wälzer trägt in einzigartiger Weise die aktuellen Forschungsdaten zusammen, die erklären, warum Psychotherapie wirkt. Schon seit einiger Zeit ist bekannt, dass Lebenserfahrungen unsere Gehirnstrukturen weitaus mehr prägen als dies früher angenommen wurde. Psychische Traumen wie Vernachlässigung, Ablehnung oder sexueller Missbrauch in der Kindheit können dominante Gehirnverknüpfungen erzeugen, die das Denken des Individuums dann über Jahrzehnte beeinflussen und z.B. eine Depression auslösen können. Wenn sich das Gehirn aber durch Umweltereignisse formen lässt, dann muss man durch psychotherapeutische Intervention auch in der Lage sein, diese Strukturen zu verändern, dominante neuronale Netzwerke abzuschwächen und neue Strukturen im Gehirn aufzubauen. Wie geschieht das? Was genau passiert im Gehirn? Spannende und am Puls der Zeit liegende Fragestellungen, denen die Autoren dieses Bandes in 26 Kapiteln detailliert nachgehen.
Günter Schiepek hat als Herausgeber eine Fülle renommierter Wissenschaftler dazu animieren können, einen Beitrag für dieses Buch zu verfassen. Mitgewirkt haben: C. Basar-Eroglu, H. Becker, A. Bergmann, N. Birbaumer, U. Büll, B. Cotuk, S. Droste, H. Eckert, T. Elbert, H.M. Emrich, R. Erkwoh, C. Eulitz, P. Falkai, G. Flatten, H. Flor, E. Fujiwara, T. Gödecke-Koch, S. Saberstock, H. Haken, H. Hecht, S. Heim, E. Hoff, P. Hoff, G. Hüther, S. Kaiser, A. Keil, Z.J. Kowalik, S. Krieschel, T. Krings, H.J. Kundert, M. Lambertz, P. Langhorst, W. Lutzenberger, H.-J. Markowitsch, W.H.R. Miltner, V. Müller, C. Mundt, W. Paetzold, V. Perlitz, E.R. Petzold, A. Picht, H. Preißl, C. Prüter, B. Rockstroh, G. Roth, E. Rüther, A. Schienle, H. Schmid-Schönbein, U. Schneider, C. Schubert, K. Setani, M. Spitzer, C. Spreckelsen, M.A. Stadler, R. Stark, D. Strüber, T. Trump, R.H. Trippe, D. vaitl, R. Vandenhouten, K. Vogeley, S. Weihrauch, M. Weisbrod und T. Weiß.
173 Abbildungen, die meisten davon farbig und 15 Tabellen geben dem Band Lehrbuchcharakter und machen schon das oberflächliche Herumblätttern in den Seiten geradezu zum Genuss. In den einzelnen Kapiteln werden folgende Themen behandelt. 1. Neurobiologie der Psychotherapie - Ansatzpunkte für das Verständnis und die methodische Erfassung komplexer biopsychischer Veränderungsprozesse; 2. Wie das Gehirn die Seele macht; 3. Neuronale Netzwerke und Psychotherapie; 4. Komplexität und Hirndynamik; 5. Synergetik der Gehirnfunktionen; 6. Grundlagen der funktionellen Magnetresonanztomographie; 7. Biologisches und funktionelles Brainimaging mit der Emissionscomputertomographie (PET, SPECT); 8. Möglichkeiten des Neuroimaging in psychotherapeutischen Ansätzen; 9. Emotionen in der Psychotherapie: Beiträge des Neuroimaging; 10. Das mnestische Blockadesyndrom - hirnphysiologische Korrelate von Angst und Stress; 11. Wie verlernt das Gehirn den Schmerz? Verletzungsbezogene und therapeutisch induzierte neuroplastische Veränderungen des Gehirns bei Schmerz und psychosomatischen Störungen; 12. Die nutzungsabhängige Reorganisation neuronaler Verschaltungsmuster im Verlauf psychotherapeutischer und psychopharmakologischer Behandlungen; 13. Datenbasiertes Real-time-Monitoring als Grundlage einer gezielten Erfassung von Gehirnzuständen im psychotherapeutischen Prozess; 14. Interventionseffekte auf phonologische Verarbeitung und kortikale Organisation bei Kindern mit spezifischer Sprachbeeinträchtigung; 15. Das Paradigma antriebsabhängiger Ordnungsübergänge - eine Verbindung von Tradition und aktueller Forschung in der Physiologie; 16. Transiente Kopplungen von Hirnstammneuronen mit Atmung, Herzkreislaufsystem und EEG: ihre Bedeutung für Ordnungsübergänge in der Psychotherapie; 17. Selbstorganisation kutaner Perfusionsrhythmik bei therapeutisch induzierter psychovegetativer Entspannung; 18. Multistabile Phänomene in der Neurokognitionsforschung; 19. Societies of brain: nichtlineare Ordnungsübergänge in der psychotherapeutischen Interaktion; 20. Angsmotivierte Aufmerksamkeitsanomalie: psychobiologische Grundlagen und neuronale Aspekte ihrer therapeutischen Modifikation; 21. Posttraumatische Belastungsreaktionen aus neurobiologischer und synergetischer Perspektive; 22. Theory of mind und Selbstperspektive - neuronale Korrelate und Veränderungen bei der Schizophrenie; 23. Wahn - eine neurobiologische Bestandsaufnahme; 24. Störungen der exekutiven Kontrolfunktionen bei depresiven Patienten - Implikationen bei Psychotherapie; 25. Biologische Korrelate zur Erklärung von Persönlichkeitsstörungen und 26. Psychoneuroimmunologie und Psychotherapie: Veränderungen der dynamischen Komplexität von Immunprozessen. Ein 14seitiges Stichwortverzeichnis schließt den Band ab.
Die einzelnen Beiträge, jeweils aus dem Blickwinkel einer anderen Fachdisziplin verfasst, ergänzen sich dabei auf hervorragende Weise, bis sich im Kopf des Lesers, Stück für Stück ein großes Puzzlebild zusammensetzt. Letztlich formt auch die Lektüre eines guten Buches das eigene Gehirn.
"Dieses Buch", so schrieb Klaus Grawe in seinem Geleitwort sehr treffend, "ist ein Meilenstein auf dem Weg zu einem neuen Verständnis zwischen Neurobiologie und Psychotherapie." Ein Satz, dem eigentlich nicht viel hinzuzufügen ist, denn dieses Buch ist wirklich herausragend.