Aus der Amazon.de-Redaktion
Als Frédéric Beigbeder noch in sicherer Stellung in der Werbeagentur Young & Rubicam angestellt war, forderte ihn sein Freund
Michel Houellebecq auf, zu zeigen, was die Welt (der Wirtschaft) eigentlich im Innersten zusammenhält. Und weil Beigbeder als erfolgreicher Werbetexter selbst ein Meister des Marketings -- und der Selbstinszenierung -- ist, entstand der Skandalroman
Neununddreißigneunzig, der in Frankreich sämtliche Verkaufsrekorde gebrochen hat. Beigbeder, der in seinem Werk mit Insiderinformation aus der Werbebranche aufwartet, schrieb den Roman mit einem einzigen Ziel -- nämlich gefeuert zu werden. Und er hat sicher geahnt, wie medienwirksam eine fristlose Kündigung unter der Schirmherrschaft von Michel Houellebecq sein würde. Seither scheint er in Frankreich omnipräsent: Er posiert dandyhaft in Talkshows, spricht im Radio, lässt sich fotografieren wie
Bret Easton Ellis, liebt sein neues Image als "Che Guevara vom Café de Flore", lobt sich selbst in einem Artikel als Genie und seine Internethomepage dient als riesiger Chatroom für seine unzähligen Fans, kurz: Er benutzt für seinen Erfolg all diejenigen Mittel, die er mit dem Roman selbst denunziert.
Bei all dem fällt auf, dass die Stimmen, die sich mit dem literarischen Wert des Romans beschäftigen, sehr leise sind. Geht es hier überhaupt noch um Literatur und was legitimiert diese vermeintlich paradoxe Methode? Der Plot ist schnell erzählt: Beigbeders Alter Ego Octave schreibt eine Innenansicht der Werbebranche, die von Klischees, Geschmacklosigkeiten und Zynismen nur so strotzt, um am Ende als Verräter gekündigt zu werden. Seine Erwartungen werden nicht nur nicht erfüllt, sondern er muss erst einen Ritualmord begehen, um in die Freiheit eines Gefängnisses flüchten zu können. Der Roman trägt aber nicht nur auf inhaltlicher Ebene dokumentarische Züge: Immer wieder unterbrechen Sprüche, Slogans und Drehbuchskripts den Text wie Werbespots im Privatfernsehen.
Dass das zwar interessant, aber künstlerisch nicht besonders originell ist, weiß Beigbeder selbst. Was viel wirkungsvoller ist, ist die Vermischung aus Realität und Fiktion: Der Autor experimentiert mit einer Wirklichkeit, die sich nur noch nach Marken und Produkten differenzieren lässt. Wie auch bei Christian Kracht tragen die Protagonisten Ralph Lauren, fahren einen BMW Z3 und schreiben Briefe an den Geliebten wie: "Kehr zurück. Wenn du zurückkommst, schenke ich dir einen VW-Beetle." Die paradox erscheinende Methode, durch die fulminante Inszenierung die Werbung mit ihren eigenen Mitteln schlagen zu wollen, ist insofern legitim, als sie eine ungeahnte Sensibilität für das aufzeigt, was man gemeinhin "Zeitgeist" nennen könnte und was jenseits aller Grenzen von Nationalliteraturen -- man denkt an die deutschsprachige Popliteratur und ihr Vorbild Ellis, an Pelivin oder Murakami -- in den letzten Jahren mit einem Sog wiederkehrt, dem man sich kaum mehr entziehen kann.
So wird auch der Kaufakt des Romans existenziell: Neununddreißigneunzig kostet das Buch -- sein Wesen ist der Preis, alles ist Ware. In Frankreich herrscht Kampfeszeit gegen das Gefangensein in einem medialen Netz, was dem Leser durch den Roman und seine Inszenierung eindringlicher kaum hätte vor Augen geführt werden können. Und lässt man sich auf dieses Gesamtkonzept ein, müssen all die Klischees und fragwürdigen Metaphern und Vergleiche auch nicht überbewertet werden. --Kristina Nenninger
Neue Zürcher Zeitung
Der Weltverschmutzer
Frédéric Beigbeder seziert die Werbebranche
Die Skandale, zumindest die literarischen, kommen zurzeit wieder aus Frankreich. Zahlreiche Autoren und vor allem Autorinnen sie alle sind auffallenderweise nicht mehr ganz jung verunsichern oder begeistern ein recht aufgeputschtes Publikum im In- und Ausland. Ob es tatsächlich Skandale sind, ob die Autoren oder Verlage nur geschickt und medial verstärkt eine Nische willfähriger Rezeption füllen, sei zunächst dahingestellt. Nachdem Michel Houellebecqs Stern mittlerweile schon wieder ein wenig verblasst (spricht die Kurzlebigkeit des Ruhms gegen die Qualität seiner Provokation?), macht sich der 36-jährige Frédéric Beigbeder, ein Freund des Erstgenannten, auf, uns Aspekte aus einer deregulierten, im narzisstischen Wahn befindlichen und in der Einsamkeit versinkenden Welt vorzuführen. Auch ihm eilt der Ruf voraus, ein ganz schlimmer Nestbeschmutzer zu sein. Sein Buch, das jetzt für das fest eingeplante Furore sorgt, beschreibt die Welt der Werbung als ein einziges, grausames Pandämonium. Der Titel, «39,90» (zugleich der Verkaufspreis in Deutschland), ist Programm: Der Wert einer Ware ist ihr Preis. Als jemand, der selber zehn Jahre lang in der Werbebranche tätig war, muss Beigbeder wissen, wovon er redet, und dürfte seinem Helden somit auch den entsprechenden Einblick mit auf den Weg gegeben haben.
Octave, so der Name dieses Helden, ist ein noch junger, aber bereits millionenschwerer Werbefachmann, er hat es zu etwas gebracht in seinem Metier, als «Kreativer» gehört er zu den Besten seines Fachs. Als Teil des Systems reproduziert er es nolens volens und permanent. Gleichzeitig weiss er natürlich um die Lügen, die mit seiner Arbeit endlos perpetuiert werden. «Ich bin Werber (. . .). Ich bin der Typ, der Ihnen Scheisse verkauft», tönt er vollmundig schon zu Anfang. Er sei ein «Weltverschmutzer» und schreibe dieses Buch, so erzählt er, um gefeuert zu werden, er sei nunmehr entschlossen, mit 33 abzutreten. Sein letzter Auftritt wird kein ruhmreicher sein, doch das ist einer späteren Dramaturgie geschuldet; im Vordergrund steht zunächst die Innenansicht eines opaken Gefüges, in welches Licht zu bringen Octave sich fest vorgenommen hat. So beschreibt er minuziös und mit deutlich zynischem Crescendo die nicht selten bizarren Abläufe, die in einem System professioneller Verlogenheit zutage treten. Der Chef des Joghurt-Unternehmens, für das er arbeitet, outet sich ganz nebenbei als Rassist; faschistoides Kriegsvokabular ist ohnehin an der Tagesordnung, und unser Protagonist, der seine Philippika schon mit höchst auffälligem, moralischem Aplomb angereichert hat, ist sich keineswegs zu schade, seine Überlegungen mit Zitaten aus «Mein Kampf» zu schmücken. Es wird klar: In ihrer Zerrüttung hat diese Gesellschaft inklusive ihrer Kritiker alle Regeln des Anstands bereits locker aufgekündigt und frönt geradezu hemmungslos einem postsozialen «anything goes». Das jedenfalls beklagt Octave vehement, selbst wenn er selbst als ethische Instanz bereits versagt hat. Dem Circulus vitiosus entkommt er nur dank seinem gesteigerten Drogenkonsum, der ständigen Prise Kokain, die er sich auf der Toilette reinzieht; anders ausgedrückt, er entkommt ihm eben nicht.
Womöglich ist diese schizoide Struktur mit dafür verantwortlich, dass man bei Octave und seinem lautstark vorgetragenen Aufklärungswillen den Eindruck moralischer Koketterie einfach nicht los wird. Was er beklagt, produziert er in eigener Verantwortung, was er zynisch verwirft, entspringt letztlich exakt seinem Geist.
Auf viel Sympathie darf Octave, dessen Engagement sich zusehends in einer Attitüde der Eitelkeit verliert, deshalb nicht zählen. Vieles ist und bleibt ungereimt in ihm. Sein Frauenbild ist milde ausgedrückt höchst anachronistisch, seine Unfähigkeit zur Liebe wird in seinen Masturbationsphantasien und in seinen Bordellbesuchen manifest, die er gleichzeitig zu besonders abgefeimten Überlegungen zur Rolle der Frau und zur Apologie des Mannes stilisiert («Das Bordell ist der einzige falsche Ort, wo der Mann wahr, schwach, schön und verwundbar ist»); sonstige Unreife demonstriert er zureichend damit, dass er ganze Nächte an seiner Playstation zubringt. Indes: Seine eigene traurige Einsamkeit würde dieser Rambo der Werbebranche jederzeit noch als letzte Freiheit verkaufen.
Doch in der Weise, wie er in den anderen um sich herum die Sklaven eines menschenverachtenden Systems erkennt, muss er dann auch seine eigenen Abhängigkeiten eingestehen. Das Kokain ist sein ständiger Begleiter, es erhält ihn am Leben, liefert ihm die nötigen Ideen und zerstört sein psychosoziales Gleichgewicht. Seine schwangere Freundin Sophie verlässt ihn, nachdem sie erfährt, dass er das Kind nicht haben will; über den Verlust der Beziehung wird er allerdings nicht hinwegkommen. Er macht eine Entziehungskur in Meudon, seine Einsamkeit wächst ins schier Endlose. In Ermangelung tragbarer menschlicher Kontakte verliert er sich in pornographischen Ersatzbildern, machistische Allmachtsphantasien lösen sich ab mit einem sich selbst attestierten «Groschenzynismus», in einem Wort: Der Mann ist am Ende. Hier hätte das Buch enden können oder müssen, und es wäre ein gutes Buch gewesen, stattdessen verliert es sich in der zweiten Hälfte in allerlei nutzlosen Nebenschauplätzen und einem der Geschichte jederzeit abträglichen Brimborium.
Denn die modern inszenierte Zerrissenheit des Helden, seine bissige Art, sein Scheitern in einer Welt des Scheins ist eine Zeit lang höchst unterhaltsam. Beigbeder hat aber zugelassen, dass der Plot ausfranst und mit einem sinnlosen Mord noch ein verkehrtes Highlight erhält: Irgendwo in Miami Beach, nach der Fertigstellung eines Spots, bringen der verzweifelte Moralist Octave und sein Kollege Charlie in einer Art acte gratuit eine alte Frau um, Octave wird dafür später in Frankreich zu zehn Jahren Haft verurteilt. Die letzten Gedanken macht er aus seiner Zelle heraus, phasenweise delirierend, er, Opfer und Produkt seiner eigenen Misere. Das alles wirkt freilich nur noch manieriert.
Und was bleibt am Ende vom präjudizierten Skandal? Die Erkenntnis, dass nicht nur die Welt, sondern auch die Werbebranche schlecht ist? Wir ahnten es. Und wir wissen sogar dies: The show must go on.
Thomas Laux