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«Neun»: Andrzej Stasiuks Roman einer Zeitenwende
«Noch fünf Jahre (. . .) und überall wird Ausland sein», sagt melancholisch eine Figur in Andrzej Stasiuks 1999 auf Polnisch erschienenem und seit kurzem übersetzt vorliegendem Roman «Neun». Es ist bald so weit: Nach der lethargisch brutalen Selbstvergessenheit der realsozialistischen Endzeit und den Wucherungen eines ungezügelten Frühkapitalismus nach 1989 werden die öffentlichen Räume der osteuropäischen Innenstädte nun mit den immergleichen Versatzstücken aus dem Fundus eines globalen Marktes möbliert. Sie decken die Widersprüche zu und taugen ausserdem wenig als Medien einer identitätsstiftenden Erinnerung. Stasiuks Roman spiegelt die Warschauer Gegenwart der späten neunziger Jahre in Erinnerungen an die siebziger und achtziger Jahre, als das Ausland noch ein Traum war, der einen das beklemmende Inland umso intensiver erleben liess. Die Rebellion der frühen Jahre verbraucht ihre letzten Energien in kriminellen Akten zur Erlangung von Luxusgütern oder in Fluchtversuchen ohne Ziel, so lautet der Befund des Romans. Den autobiographischen Subtext hierzu liefert Andrzej Stasiuks 2001 auf Deutsch erschienene ironische Zwischenbilanz «Wie ich Schriftsteller wurde». Das Buch zeichnet den Weg des inhaftierten Wehrdienstverweigerers, der für Lou Reed und Beckett schwärmte, zum Intellektuellen nach. Die Hygiene der neuen Verhältnisse wird für Stasiuk nur Wirklichkeit im Kontrast zu einer Welt aus Verlierern, Kriminellen, ins Abseits Geratenen. Die Gänge und Fahrten im Roman führen denn auch an die Peripherie Warschaus oder in das Halbdunkel von Unterführungen und Bahnhofshallen dorthin, wo die Dinge noch einen stechenden Geruch besitzen, das Licht von zuckenden Neonlampen über Imbissstuben mit fettigem Essen flackert, wo im stechenden Benzindampf alter Autos sich der Blick in brackigem Wasser unter rostenden Brücken verliert. In der Beschreibung nicht immer frei vom Pathos einer universellen Ausgesetztheit lässt Stasiuk seine Figuren ihre Kreise zwischen Bierbuden und Ausfallstrassen ziehen: «Das Nichts hatte wie eine Flamme die Ulica Kijowska erfasst, den Bahnhof, die Züge, die Autos, die Menschen und die Läden (. . .) und sie war allein, zusammengerollt in diesem zerwühlten Bett, das wie ein Papierschiffchen in der schwarzen Unendlichkeit driftete.» Neun Leben hat die sprichwörtliche Katze, über mindestens neun Leben scheinen auch die Stasiuk'schen Figuren zu verfügen. Folgerichtig werden ihre Lebensläufe nicht zu Ende erzählt, sie laufen einfach aus. Der antimoderne Affekt des Schriftstellers Stasiuk, der seit 1986 in einem kleinen Dorf in den Beskiden, in der «Welt hinter Dukla» lebt, ist unverkennbar. In diesem Punkt ist er Peter Handkes poetischer Jugoslawien-Utopie nahe, die Momente eines nicht entfremdeten Lebens etwa in archaischen Tauschgeschäften entdeckt, auch oder gerade wenn diese einer improvisierten Notwirtschaft geschuldet sind. Und zweifellos lässt sich aus den verrottenden Milieus poetisches Kapital eher schlagen als aus einer wenigstens auf den ersten Blick moderierten westeuropäischen Gesellschaft. Der Roman enthält sich jeder sozialkritischen oder psychologischen Diagnose der polnischen Gesellschaft nach 1989. Gerade dadurch gelingt es ihm, das Fehlen moralischer Kategorien und kollektiver Verbindlichkeiten verständlich zu machen. Für die Figuren in «Neun» gilt, was der Prager Jáchym Topol, der gleichen Generation wie der 1960 geborene Stasiuk angehörend, in seinem monumentalen Nachwende-Roman «Engel Exit» formuliert hat: «Für jeden von ihnen war eine Welt untergegangen, jeder musste sich eine neue erschaffen, anderswo. Und der Underground in seinen klassischen Kulissen kehrte zu einem seiner ältesten Brennpunkte zurück; er wurde zur Unterwelt.» Gewalt passiert wie nebenbei, sie erscheint so perspektivelos wie alles andere. Nur beim Blick zurück werden auch die Hartgesottensten sentimental. Dies entspricht vielleicht dem Zustand einer kollektiven Psyche, die Identität immer noch eher aus dem Blick zurückgewinnt als aus der Erfahrung eines widersprüchlichen Jetzt. In Bruchstücken erzählt Stasiuk in «Neun» die Geschichte von Pawel, einem jungen Geschäftsmann, der zahlungsunfähig wird und in der Folge von brutalen Eintreibern verfolgt wird. Bei seinen ziellosen Gängen durch die Stadt kommt es zu Begegnungen mit Freunden von früher. Der eine, Jacek, ist ein kleiner Drogendealer, der in einer völlig verwahrlosten Wohnung haust; der andere, Bolus, fett, neureich und kriminell, hat seine Wohnung mit den Insignien des neuen Wohlstands ausgestattet, fährt einen BMW, trägt Goldketten zu violetten Hemden. In der Beschreibung von Interieurs, in der Charakterisierung von Figuren durch die Dinge, mit denen sie sich umgeben, liegt Stasiuks grosse Stärke und in der Evokation grösserer Räume. «Meine Leidenschaft [galt] schon immer der Geographie und nicht der Geschichte», schreibt Stasiuk im Essay über Europa, weil die nach Osten offenen Räume ein «Fluchtweg» sein könnten. Er habe genug «von allen diesen Veränderungen» und wünsche sich, «dass die Welt endlich zu dauern beginnt». Andrzej Stasiuks Literatur ist nicht frei von Sentimentalitäten und männlicher Kraftmeierei. Trotzdem ist er einer der interessantesten Schriftsteller seiner Generation. Bernhard Fetz
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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
7 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
1.0 von 5 Sternen
Völlig überladen,
Von
Rezension bezieht sich auf: Neun: Roman (Gebundene Ausgabe)
Der Klappentext und der wirklich gute Anfang des Buches haben mich dazu gebracht es zu kaufen - bereut habe ich das bereits auf Seite 5. Post-Sozialistischer Alltag hin oder her, der Held ist verzeweifelt und jedes Ding in seiner Umgebung wird ihm zum Menetekel. Jedes. Auf jeder Seite, in jedem Satz, mit jedem Wort. Das nervt, und auf Seite 5 beginnt es sich zu wiederholen, andaeuernd fliegend irgendwo müde Vögel auf, oder dasselbe rote Flugzeug mit einer Reklame für irgendein Schmerzmittel(!) taucht ständig in dem Blick durch die Häuserlücken Warschaus auf - bis man sich fragt, ob dem PIloten nicht irgendwann schwindlig wird oder der Sprit ausgeht. Von der Story sieht man nicht viel, die schleppt sich nur müde durch die Kulissen. Gähnend langweilig, wirklich.
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1 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
1.0 von 5 Sternen
sprachlos,
Von Markus (Oelde, Westfalen) - Alle meine Rezensionen ansehen
Rezension bezieht sich auf: Neun: Roman (suhrkamp taschenbuch) (Taschenbuch)
Auch ich habe mich vom Klappentext und einer Beschreibung in einer Literaturzeitschrift verleiten lassen, dieses Buch zu kaufen. Bis zur Hälfte des Buches hielt ich durch, und lege es nun endgültig weg. Legt man es zwischenzeitlich nämlich mal zu lang weg, weiß man nicht mehr, wer was wo zu wem sagt. Den Sinn und Zweck der Geschichte habe ich bislang nicht verstanden. Das mag an mir liegen, auch weil ich vielleicht den eventuell vorhandenen roten Faden (noch) nicht gefunden habe. Ich bezweifle aber, dass sich dieser im hinteren Teil des Romans befindet ... Keinesfalls eine Empfehlung!
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