In jeder Stadt gibt es ein Neukölln. Einen Bezirk wo die käuflichen Mädchen etwas fülliger und faltiger sind, die türkische Bevölkerung zu einem Großteil aus Gangs und nicht aus netten Gemüseverkäufern besteht, die Klos am Gang defekte Spülungen haben und die meisten Bewohner auch vor Harz IV pleite und besoffen gewesen sind.
Uli Hannemann beschreibt in seinem neuen Buch:'Neulich in Neuköln' seinen Bezirk sehr trocken und lakonisch. In 49 kurzen Geschichten, einem Vorwort und einem hilfreichen Glossar am Ende führt er ein, in die Tiefen seines kleinen Mikrokosmos an'der Talsohle des Lebens'.
Er ist ein scharfer Beobachter dem nichts entgeht. Vermutlich liefert ihm auch seine zweite Profession als Taxifahrer genug Stoff für die Geschichten. Er skizziert in seiner ersten Geschichte 'Monolog eines Münchners' die Bescheuertheit der pseudobohemianhaften, südlichen Bevölkerung Deutschland, die mit ihren fetten Autos, polnischen Katzen-Au-pairs und ihrer Vorliebe für Prosecco die Mietpreise in seinem Viertel verderben. Allerdings haben sie nicht mit der wahren Beschaffenheit des echten Großstadtdschungels gerechnet und die arme, kleine Katze muss schlussendlich daran glauben. Oder er besucht die legendäre Rütli-Schule die unter dem Slogan: 'Wer schwänzt, stört nicht' pädagogisch operiert. Der Eisverkäufer der lieber wieder in der Fremdenlegion wäre und die Kreuzberger die unter Mülltrennungszwang leiden, sorgen ebenfalls für einen Krampf der Lachmuskeln. Trocken und ohne Erbarmen und doch sehr menschenfreundlich ist dieser Uli Hannemann. Leider flauen die Geschichten im Laufe des Buches etwas ab. Die Handlungen werden etwas zu utopisch und unreal und verlieren damit an Komik.
Lungern als bezahlter Beruf? Na ja. New poverty ' betteln für Kaviar? Hm. Da ist der Kampf gegen den unfreiwilligen Senf am Würstelstand und die Sortierung von U-Bahngästen nach Bezirken schon viel lustiger. Weil sie echt passiert sein könnten.
Meiner Meinung nach könnte Uli Hannemann auch eine Einkaufsliste schreiben und sie wäre brillant, so gut kann er das. (Be)schreiben. Erfinden weniger.
Trotzdem ein sehr lustiges Buch das sich deutlich von den anderen, unzähligen Berlinbüchern abhebt. Wen interessiert schon Berlin? (Wir wissens: Mitte ist hip, Prenzlauerberg cool und Kreuzberg sowieso. Gähn.) Aber: Neukölln ist überall.