Dieses Buch kann eigentlich niemanden kalt lassen. Seine Brisanz ist umso höher zu bewerten, als es - anders als der Sarrazin Bestseller - dem Problem auch noch in lesbarer und verständlicher Form zu Leibe rückt. Wie der Autor sich zudem seinen Humor erhalten hat, auch wenn es manchmal Galgenhumor ist, nötigt mir Respekt ab, genauso wie die Tatsache, dass er kein Blatt vor den Mund nimmt und wirklich jede beteiligte oder betroffene Bevölkerungsgruppe über die Parteigrenzen hinweg ihr Fett abbekommt.
Der Autor ist nicht nur Bezirksbürgermeister eines der größten Berliner Stadtteile, der immerhin größer ist als die meisten Städte. Er stammt aus Neukölln und kennt seinen Stadtteil von der Pike auf und hat auch noch einen Großteil seines Berufslebens dort verbracht. Diese intensive Kenntnis und durchdachte Darstellung des Grundproblems von Migrationsprozessen macht dieses Buch zur Pflichtlektüre von angehenden Erziehern, Lehrern, Kommunal- und anderen Politikern. Der allseits beliebte Reflex zum Wegducken und Zeitschinden aller politischen Ebenen bei Problemlagen, die sie intellektuell nicht durchdringen, ist wunderschön entlarvt: Wenn ich nicht mehr weiter weiß, gründ ich einen Arbeitskreis.
Der Autor nimmt als Tatsache zur Kenntnis, dass alle Menschen grundsätzlich gern unter gleichen leben. Das gilt für die einheimisch deutsche ("bio-deutsche") Bevölkerung genauso wie die eingewanderten Türken, Kurden, Roma und sonstige Nationalitäten. Wenn diese heimelige Wohlfühlklima eines Wohnbezirks kippt, stimmen die Menschen mit dem Möbelwagen ab. Wer es sich leisten kann, sei es die einheimische Bevölkerung oder bereits gut integrierte bildungsaffine Zuwanderer, zieht weg. Dann kommt es zu dem, was der Autor als Ausgangspunkt aller Migrationsprobleme ausgemacht hat: Durch die "Segregation", den Wegfall von durchmischten Wohnbezirken mit Vorbild- und Leitfunktionen, von sozialer Kontrolle und bürgerschaftlichem Engagement entstehen von Einheimischen und integrierten Migranten gleichermaßen abgelehnte Parallelgesellschaften, die sich in den Leistungen des fürsorgenden Staates eingerichtet haben und keinen eigenen Ansatz finden, sich selbst um einen gesellschaftlichen Aufstieg zu bemühen. Nach der Lektüre dieses Buches kann ich nachvollziehen, warum sich gesellschaftlich integrierte Migranten so energisch gegen Verallgemeinerungen wehren. Es sind eben nicht "die Türken" oder "die Muslime", die sich einem gleichberechtigten Zusammenleben verweigern, sondern ein bestimmter, nennen wir es mal harter Kern" von Einwanderern, die den Sprung von vordemokratischen Grundmustern und tradiertem Lebensgefühl in eine moderne demokratische Gesellschaft (noch) nicht nachvollzogen haben. Allerdings stellt der Autor auch klar, dass gerade die in muslimischen Bevölkerungsteilen verbreitete patriarchalische und autoritäre Lebensweise, verbunden mit durch fundamentalistische Überreligiosität und religiöser Selbsterhöhung ("der Muslim als besserer Mensch") sich stark integrationshemmend auswirkt.
In dem detaillierten Bericht über die Erfahrungen mit dem Projekt Intercultural Cities macht der Autor allerdings deutlich, dass es sich hierbei keineswegs um ein deutsches Problem handelt. Gerade aus den Erfahrungen anderer Städte, z. B. Rotterdam, können Rückschlüsse gezogen werden, wie das Problem der Parallelgesellschaften gelöst werden könnte. Allerdings nicht auf die bequeme Weise, in dem man die Betroffenen durch immer mehr Geld zum Stillhalten bewegen will. Für Buschkowsky ist Bildung, Bildung, Bildung ab dem 13. Lebensmonat die Lösung. Sich verweigernde, ablehnende oder einfach resignierte Eltern sollten nach seiner Auffassung durch schnell spürbare finanzielle Sanktionen aus ihrer Lethargie gerissen werden - wenn das Kind nicht zur Schule geht, gibt es kein Kindergeld. Nach Buschkowsky sind Chancengleichheit und gemeinsame Lebensgrundlagen die beste Willkommensstruktur, die zum Wohle der Kinder auch durchgesetzt werden muss.
Den Ausführungen des Autors zum Erziehungsgeld, der "Herdprämie" kann ich als nur zustimmen. Die vom Autor gelobte stufenweise Einführung der Kostenfreiheit der Kitas in Berlin ist allerdings nur mit den Solidarbeiträgen anderer Bundesländer finanzierbar, die im Zwange einer Haushaltsdisziplin, die in Berlin gerade nicht gelebt wird, ihrer eigenen Bevölkerung diese Leistung nicht zukommen lassen können.
Wer sich mit der Sanktionslösung grundsätzlich nicht anfreunden kann oder will, sollte den Kapiteln über Jugendkriminalität, Kindertagesstätten und Schulen in den letzten Kapiteln des Buches seine besondere Aufmerksamkeit schenken (siehe auch
Richter ohne Gesetz: Islamische Paralleljustiz gefährdet unseren Rechtsstaat - Wie Imame in Deutschland die Scharia anwenden. Herr Buschkowsky lässt keinen Zweifel daran, dass den betroffenen Lehrer-innen, Erzieherinnen, Mitarbeitern von Jobcentern, Verwaltungen und Polizisten die Situation allgemein, aber auch das sich ausbreitende Duckmäusertum der Öffentlichkeit an die Nieren geht. Die Macht der Political Correctness, des öffentlichen Mobbings und Resignation fordert ihren Tribut. Als "Täter" hat Buschkowsky hier die "alten Bekannten" genannt: "Die Schönredner und die Opferrolle".
Sehr bewegt haben mich die häufigen Verweise auf eine langjährige Mitkämpferin, die Jugendrichterin Kerstin Heisig (
Das Ende der Geduld: Konsequent gegen jugendliche Gewalttäter), deren Freitod eine große Lücke hinterlassen hat.
Insgesamt habe ich seit langem eine so lesbare, nachvollziehbare und schonungslos offene Diskussion dieses Themas vermisst. Bei fünf zu vergebenden Sternen hätte dieses Buch zehn verdient. Es ist für mich uneingeschränkt lesen- und empfehlenswert.