"Herbert von Karajan, körperlich schwer angegriffen und von den Kämpfen mit den Berliner Philharmonikern aufgerieben genießt das Neujahrskonzert in vollen Zügen. Selten hat man ihn so emotional gesehen. Musikalisch ist das Konzert auch vom allerfeinsten: eine vorzügliche Fledermaus-Ouvertüre, ein traumhafter Delirien-Walzer, Kathleen Battle in Höchstform. Ein Muss für jeden Liebhaber der Musik der Strauß-Familie! Jeden Cent wert!"
So habe ich vor etwa 1 1/2 Jahren eine ältere Ausgabe dieser DVD rezensiert. Das erneute Ansehen mit Abstand rechtfertigt für meinen Geschmack dieses Urteil weitestgehend durchaus. Man könnte sich über so einiges streiten. Klingen "An der schönen blauen Donau", "Kaiser-Walzer" sowie die Fledermaus-Ouvertüre nicht auf der Studio-Aufnahme mit den Berliner Philharmonikern noch etwas schwungvoller? Insgesamt haben Karajan und die Wiener Philharmoniker hier keine unumstößlichen Referenz-Aufführungen dargeboten, sondern einfach nur sehr gute. "Radetzky-Marsch" und "Ohne Sorgen" beispielsweise gefallen mir schlussendlich bei Harnoncourt besser, obwohl ich dessen Auftritte beim Neujahrskonzert insgesamt eigentlich nicht so übertrieben gelungen fand.
Die Programmauswahl ist natürlich ausgesprochen konventionell, wobei ich nicht darüber informiert bin, ob auf der DVD alle Musikstücke, die im Konzert gespielt wurden zu sehen sind. Ist ja heute der Normalfall, aber diese DVD enthält sehr viele Schnitte, so dass ich nicht weiß, ob nicht ein Teil einfach weggelassen wurde. Die CD zu diesem Konzert ist ja noch kürzer, da man sich gegen eine Doppel-CD entschieden hat (Zigeuner-Baron-Ouvertüre und Perpetuum Mobile fehlen auf der CD).
Mit den "Delirien" und den "Sphären-Klängen" sind auch Stücke ausgewählt worden, die zwar bekannt sind, aber eben insofern etwas anspruchsvoller sind als sie so etwas wie eine innere Dramaturgie und einen richtigen Spannungsbogen enthalten. Ich will hier nicht die x-te Variante der E-Musik vs. U-Musik-Diskussion liefern. Dennoch ist es schön zu sehen, dass es neben den hauptsächlich über den Schwung oder den leicht rezipierbaren Einfällen funktionierenden Stücken auch etwas "philosophischere" aus der Feder der Familie Strauß gibt. Gerade die Leistung bei diesen beiden Stücken finde ich besonders hervorhebenswert.
Die Bild- und Tonqualität ist in Ordnung, die Kameraführung auch. Dass Karajan oft im Bild ist trifft auf jeden Karajan-Mitschnitt zu, ist aber hier deutlich angebrachter als bei vielen anderen Karajan-Mitschnitten, da die Tatsache, dass der körperlich schwer angeschlagene und von den Kämpfen mit den Berliner Philharmonikern aufgeriebene Karajan hier wohl den letzten wirklichen Höhepunkt seiner Karriere erlebte mit zum Mythos dieses Konzerts gehört. Und wie oben bereits geschildert ist eine Wonne zu sehen, wie er es genießt.
Wie oben bereits angedeutet besitze ich einen anderen Mitschnitt als den hier zu besprechenden. Musikalisch dürfte es keinen großen Unterschied machen, aber ich weiß nicht, ob vielleicht das Urmaterial noch einmal anders geschnitten wurde. Die Schnitte auf meiner DVD sind nicht besonders gelungen. Es wird nämlich wirklich viel abgeschnitten und die Neujahrskonzert-Atmosphäre dadurch etwas gestört. Wer schon Karajan-DVDs besitzt wird diesen lieblosen Umgang mit dem Bildmaterial kennen.