Der 1960 in Linz geborene Franz Welser-Möst trat diese Saison die Nachfolge von Seiji Ozawa als Generalmusikdirektor der Wiener Oper an. Grund genug für die Wiener Philharmoniker, ihn dieses Jahr als Dirigenten für das traditionelle Neujahrskonzert einzuladen, zumal der Maestro - weiterhin parallel Chefdirigent des renomierten Cleveland Orchestra - schon viel Erfahrung mit den Philharmonikern gesammelt hat und sich auch zu seiner Zeit als Chef in Cleveland nicht zu schade war, bei Absagen von Kollegen einzuspringen. Welser-Möst betrachtet die Einladung, das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker dirigieren zu dürfen, wie er gesagt hat als "so etwas wie den Nobelpreis".
Unter dem frischen Eindruck des Konzerts hatte ich bei der DVD noch von einem gelungenen Konzert gesprochen. Das nochmalige Ansehen meines privaten Mitschnitts hat diesen Eindruck nur bedingt bestätigt. Welser-Möst bietet ein solides, feines und unprätentiöses Konzert und er steht zu sich als jemand, der kein Mann für die Show ist. Ich finde das sympathisch, aber für ein Neujahrskonzert nur bedingt passend. Sicherlich haben die Wiener Philharmoniker unter der Leistung Welser-Mösts alles andere als schlecht gespielt, aber dennoch: so der letzte Funke springt dann doch nicht dauerhaft über.
Die Programmauswahl war letztlich auch nicht uninteressant, auf sympathische Weise gegen allzu große Showlastigkeit ausgerichtet, aber letztlich doch eher langweilig. Wenn ich das z.B. mit George Prêtre vergleiche, dessen Programmauswahl sowohl 2008 als auch 2010 eine gute Mischung aus interessantem noch nie gehörtem auf der einen Seite und oft gehörtem auf der anderen Seite bot, dann muss ich sagen: bei Welser-Möst kam weder das eine noch das andere. Die noch nie gehörten Stücke waren nicht besonders interessant, kaum Aha-Effekte, die oft gehörten Dauerbrenner, die es von allen komponierenden Mitgliedern der Strauß-Familie gibt kamen bis auf die obglitorischen Zugaben nicht vor.
Was sich auf der CD befindet ist dementsprechend insgesamt gut gemacht, solide eingespielt, gut aufgenommen, aber irgendwie letztlich dann wohl doch nur für diejenigen interessant, die sich eine möglichst große Strauß-Sammlung zulegen wollen.
Ich glaube, an dieses Neujahrskonzert werden sich in ein paar Jahren nur noch diejenigen Neujahrskonzertbegeisterten erinnern, die ähnlich gestrickt sind wie diejenigen Fußball-Fans, die noch wissen, wie der FC Bayern 1998/99 beim Gastspiel gegen den VfL Bochum gespielt hat.
Genug der Polemik: natürlich stellt diese CD ein sehr gutes Produkt dar: Weltklassemusiker werden von einem Spitzendirigenten geleitet, das Konzert ist in exquisiter Tonqualität aufgenommen, das Booklet ist ansprechend. Nur kommt eben jedes Jahr ein Produkt heraus, bei dem alles gesagte auch gilt, nur dass das Eingespielte mindestens genau so mitreißend ist wie hier und in vielen Fällen deutlich besser ist.
Es gibt das Karajan-Konzert auf CD (nicht ganz zu Unrecht eine der weltweit meistverkauften CDs), es gibt die Kleiber-Neujahrskonzerte auf CD (fast noch besser), es gibt Mutis Auftritte auf CD, es gibt nicht zuletzt auch Prêtres Auftritte auf CD. Es gibt auch gute Studio-Aufnahmen von der Musik der Familie Strauß (ob von Karajan mit den Berliner Philharmonikern oder von Böhm, Fricsay, Maazel). Wenn Sie nicht gerade den Anspruch haben, alle verfügbaren Neujahrskonzerte auf CD zu haben oder vielleicht ein persönliches Erlebnis mit dem diesjährigen verbinden, ist diese CD verzichtbar.