Man muss nicht zu den Autoren der lateinischen Verlautbarungen von "Radio Vatikan" gehören, um diesem etwas anderen Lateinwörterbuch etwas abgewinnen zu können.
Hier wird nämlich nicht der Wortschatz Caesars oder Ciceros lexikographisch aufgearbeitet, sondern der der Gegenwart: Von "a priori" (!) bis "zytostatisch" findet man hier die lateinischen Übersetzungen deutscher Begriffe. Computer, Schokolade, Kurzschluss, Staubsauger, Interpol, Funktaxi, Space Shuttle -- für alles gibt es eine akkurate lateinische Entsprechung. Dabei handelt es sich jedoch nicht um die Phantasieprodukte gelangweilter latinophiler Kuriensekretäre, sondern um das Ergebnis jahrelanger philologisch exakter Detailarbeit; 14 Spezialisten des Vatikans (also doch...) haben über 15.000 Begriffe des modernen Italienisch ins Lateinische übersetzt, unter strenger Beachtung lateinischer Wortbildungsregeln -- in Fällen, in denen sich diese Regeln nicht von selbst erschließen, wird das zugrunde gelegte Prinzip, der "klassische Präzedenzfall" gewissermaßen, jeweils dargelegt.
Und eben jenes Wörterbuch wurde nun von einer Reihe Germersheimer Philologen ins Deutsche übertragen -- natürlich musste hier noch einmal jede Menge Schwer- und Feinarbeit geleistet werden, denn es war beileibe nicht damit getan, einfach nur italienische Begriffe ins Deutsche zu übersetzen. Wer ein wenig von der Materie versteht, wird die Leisungen beider Teams, in Rom wie in Germersheim, zu würdigen wissen.
Wozu nun aber die Übersetzungen aus einer zeitgenössischen Sprache in eine totgeglaubte? -- Die naheliegende erste Antwort: Weil's Spaß macht! Aber damit ist's nicht getan, denn diese Späße sind lehrreich: Zunächst einmal wirkt sich hier eine Art Verfremdungseffekt aus: Indem man z.B. liest, dass ein Dramaturg ein "fabularum scaenicarum scriptor" ist, ein Gringo ein "americanulus", ein Covergirl eine "exterioris paginae puella" und ein Nationalist ein "immoderatus patriae cultor", bekommt man allgegenwärtige, vertraut geglaubte Begriffe präzisiert. Ohne den Nimbus gegenwärtig beliebter Sprachmarotten zeigt sich, was hinter dem ganzen Wortzauber steckt: Der Computer ist ein "instrumentum computatorium", weiter nichts -- und tatsächlich beruhen ja all die Wunderdinge dieser scheinbaren Wundermaschinen auf beschleunigter Rechenkunst. Ist wohl was dran an dem Klischee des nüchternen, analytisch-exakten Lateiners...
"Der Kaiser ist nackt", lernt man hier bei aufmerksamer Lektüre, und kommt ins Schmunzeln. Und man lernt auch nebenbei, wie lateinische Wortbildung funktioniert -- nicht ganz so wie z.B. die deutsche. Der Blick für die Besonderheiten der eigenen Sprache schärft sich.
Aber bei allem Erkenntniszuwachs: Der Spaß dürfte doch Vorrang haben. Ich kann mir gut vorstellen, dass man mithilfe dieses Wörterbuchs auch mal ein Fußballspiel oder ein Autorennen auf lateinisch kommentieren könnte -- Stichwort "Letzte Stunde vor den Ferien" oder so. Wenn man ein Wort braucht, das hier nicht verzeichnet ist -- man hat ja genug Vorlagen, wie's geht.