Angesichts der Vielzahl von Titeln zum Thema Europa/Europäische Union fällt es nicht leicht, den Überblick zu behalten. Dieser neu erschienene Sammelband verdient jedoch eine besondere Aufmerksamkeit. Im Unterschied zu vielen anderen Titeln, deren Halbwertzeit meist schon mit dem Erscheinungsdatum abgelaufen ist, schafft „Neues Europa - alte EU?" die schwierige Gradwanderung zwischen Aktualität und weitblickender Perspektive.
So beschäftigt sich Kapitel I ("Konzepten und Grundprobleme"), mit der Frage nach dem Demokratiedefizit in der EU (Andreas Maurer), mit dem neuen sicherheitspolitischen Selbstverständnis der EU (Hans-Georg Ehrhart) oder mit der Problematik „Flexibilisierung oder Zerfall - Hat die Europäische Union Bestand?" (Johannes Varwick), eine Frage, die nicht erst mit Ost-Erweiterung und Türkei-Beitrittsdiskussion an Brisanz gewonnen hat. J. Varwick verweist auf die immer noch fehlende Zielperspektive des europäischen Integrationsprozesses. Er kritisiert dabei den vorherrschenden Zweckoptimismus, der in einer nicht näher definierten Flexibilisierung die „Zauberformel" für das Spannungsverhältnis von Erweiterung und Vertiefung sieht. Anspielend auf einen historischen Vergleich des Kommissionspräsidenten Prodi sieht J. Varwick verschiedene Entwicklungsszenarien: „Wenn das Römische Reich tatsächlich Vorbild (der EU) sein sollte, ist ein schleichender Zerfall der EU ebenso wenig auszuschließen, wie die Entwicklung einer völlig neuen Integrationsform jen-seits der bestehenden Verträge."
In Kapitel II ("Institutionen und Politikfelder") beschäftigen sich die Autoren mit wichtigen aber oft vernachlässigten Fragestellungen wie dem Zusammenhang zwischen EU-Politik und Medien (Bernhard Lichte) oder der Zukunft europäischer Hochschulen (Dietmar Wilske). Uwe Andersen geht der Frage nach, ob sich der Euro bewährt hat. Seine Zwischenbilanz fällt insgesamt positiv, jedoch weitaus differenzierter aus als die üblichen Polarisierungen zwischen „Teuro" einerseits und "Integrationsmotor" andererseits.
In Teil III ("Staatenordnung und Außenbeziehungen") analysieren ausgewiesene Länderexperten das Verhältnis z.B. zwischen Europa und den USA (Manfred Knapp), zwischen Deutschland und Frankreich (Ulrike Guérot) oder aber zwischen Deutschland und Polen (Kai-Olaf Lang). Die Zukunft der deutsch-polnischen Beziehungen in der EU sieht Lang von einem „hohen Maß an Ungewissheit" geprägt. Ein Auseinanderdriften in ein eher kontinentaleuropäisch orientiertes Deutschland und ein anglo-amerikanisch orientiertes Polen hält er jedoch für weniger wahrscheinlich. Tatsächlich trägt dieser Beitrag nicht nur viel zum Verständnis und zur Versachlichung der derzeitigen Diskussionen auf europäischer Ebene (Gipfel-Fiasko in Brüssel) bei, sondern weist weit darüber hinaus.
Der Band „Neues Europa - alte EU" überzeugt nicht nur durch die Breite des Themenspektrums und die Auswahl der Autoren , sondern auch die Differenziertheit und Fundiertheit der einzelnen Beiträge. Und noch etwas sollte nicht unerwähnt bleiben: Die gut redigierten Beiträge sind in einer Sprache verfasst, die sowohl europapolitischen Fachleuten wie auch Laien eine interessante Lektüre erlauben.