In der jüngeren deutschen Geschichte hat es eine fast unbemerkte Phase gegeben, in der die Wege der Zukunft in alles Richtungen offen waren. Diese Phase war kurz, ein knappes Jahr höchstens dann war Schluß mit lustig und die DDR war ins westliche Prinzip eingemeindet.
Von dieser kurzen Phase, ihrem schüchternen Beginn, ihrer Eruption und ihrem schleichenden Verdämmern berichtet dieses Buch.
Ingo Schulze hätte es sich leichter machen können. Er hätte einen straff strukturierten Roman runterschreiben können und es wär wohl auch damit gut gewesen, aber nein der junge Mann wählt die Form eines Briefromans.
Wir lesen also die Briefe eines gewissen Enrico Stürmer ein Intellektueller an der Schwelle zur Lebensmitte aus dem thüringischen Altenberg, verfasst zwischen Januar und Juli 1990. Für uns Wessis war es ja eher das Jahr des neugierigen, aber reservierten Blicks rüber nach Osten, was da wohl so abginge. Wer in jenen Tagen nicht drüben war, dürfte es kaum gespürt haben: diese pulsierende öffentliche Leben, das so kurz vorher noch mausetot war, dieses Nebeneinander von charmantem Chaos und der erprobten Fähigkeit zur Improvisation. Mit dem Fall der Mauer war eine eherne Staatsordnung implodiert und ein ganzes Land schien plötzlich offen für neue politische Versuche. Vorbei war es mit der Friedhofsruhe vergangener Jahre, plötzlich tauchten weise Köpfe und freche Rundfunksender auf, die den Noch-ein-bischen-Mächtigen ziemlich am Kragen zuppelten. Beste Zeiten also, um etwas Neues zu beginnen, wie auch Enrico Stürmer, der mit Gesinnungsfreunden eine neue Wochenzeitung für Altenburg aus der Taufe hebt. Sie soll zum lauten Sprachrohr der neudemokratischen Kräfte werden und stets Ämterwillkür und Bonzen-Seilschaften unnachsichtig anprangern so wünschen es sich zumindest die Gründungsmitglieder. Gern holt man sich dabei auch den Rat erfahrener Zeitungskollegen aus dem Westen, der auch erteilt wird doch es dauert sehr, sehr, sehr lange bis die Enthusiasten zu ahnen beginnen, dass dieses Interesse im Westen nicht immer völlig uneigennützig ist. Während nämlich im Osten noch vielerorts über soziale bis sozialistische Zukunfskonzepte palavert wurde, stießen die Wessi-Glücksritter bereits tief ins Land vor der DDR-Goldrush, ein verfallendes Land unbegrenzter Möglichkeiten. Ein den Habenichtsen onkelhaft gewährter Kredit und schon war man drin im Geschäft. Die Aussicht auf die Ansiedlung von Gewerbegebieten schubste Sahne-Immobilien in die Hände neuer Besitzer.
In diesem Gewirr unterschiedlicher bis gegenläufiger Strömungen konnte man schon mal die Orientierung verlieren oder Entwicklungen aus den Augen verlieren. Enrico Türmer bemerkt schon bald die ersten Indizien der kapitalistischen Umarmung, die hier und da auch schon mal ersticken konnte. Mehr Anzeigen müssten her, damit die Zeitung überleben könne, so seine Warnung, doch für seine puristischen Mitstreiter ist das nicht akzeptabel. Als sich Türmer mit dem Gedanken trägt with a little help from his west-friends ein Anzeigenblatt ins Leben zurufen, wird er zum Verräter an den Idealen der ersten Stunde. Diese Erlebnisse des Jahres 1990 schildert er in den Briefen an den lieben Jo, seinem alten Freund aus den Schultagen Johannes Zühlke.
Doch Zühlke ist nicht der einzige Adressat Türmers es gibt auch noch Nicoletta, eine Fotojournalistin, die Türmer auf ihrer Fotosafari durch die DDR-Savanne über den Weg lief. Und in sie verguckt er sich bis über beide Ohren. Er bombardiert sie mit weitgehend unbeantwortet bleibenden Briefen, in denen er eine Lebensbeichte ablegt. Demütig legt er ihr seine gebrochene Intellektuellen-Biografie zu Füssen. Bereits als fader Schüler widerfuhr ihm ein Erweckungserlebnis, das ihm großen literarischen Ruhm prophezeite. Er verpasste seinem Leben einen harten Schnitt kein verspielter Schlendian mehr, nun galt es, das Leben in literarische Form zu gießen. Wo andere dem nahenden Wehrdienst in der NVA beklommen entgegensahen, fieberte er dieser Zeit entgegen: wo sonst würde man so viel Stoff für Geschichten erleben ! Drill, Schikane und Entwürdigung als Futter für Papier ließ sich das alles ertragen. (Als aufmerksamer NVA-Soldat musste Türmer dann allerdings erleben, dass das Soldatenleben deutlich weniger sensationell war als erhofft).
Aber noch eine zweite Komponente treibt Türmer in jenen Jahren um: die eitlen Verlockungen eines Dissidenten-Schicksals, der Ruhm einer klaren und ungebrochenen Stimme des Widerstandes, ein Wandler auf den Spuren des ausgebürgerten Biermann zu werden. Und was sollte letzten Endes schon passieren außer einer Ausweisung und einem guten Leben mit fetten Tantiemen im Westen ?
Doch bevor Türmer noch so richtig seine Feder spitzen konnte, machte ihm die Zeitgeschichte einen dicken Strich durch die Rechnung, denn plötzlich war Gorbi in aller Munde und jene, die ihn aussprachen, hatte man bislang auch nicht nicht gesehen in diesem Friedhofsstaat: Rauschebart-Theologen, Pazifisten und Umweltaktivisten. Und plötzlich schreiben wir das Jahr 1989 und es gibt im Land so etwas wie ein verhaltenes, aber spürbares grummeln der Unzufriedenheit. Die Opposition formiert sich, wird mutiger und dann öffnen die Ungarn die Grenzen und es geht Schlag auf Schlag.
Die einen flüchten über die österreichische Grenze, die anderen marschieren auf breiten Straßen. Die Demonstrationen werden mächtiger, die Gegenmaßnahmen der Staatsmacht hitziger tagelang
befindet sich das Land am Rande eines Massakers chinesischer Prägung.
Keiner weiß mehr, was die Regierenden vorhaben und jeder Tag kann der letzte sein.
Nun gut wir alles wissen, wie es ausgegangen ist. Enrico Türmer jedoch stürzen die Ereignisse in eine tiefe Krise. Vorbei die behaglich-dumpfe Zeit, in der er betulich literarische Stoffe aufpicken und verwursten konnte. Vor der Wende geriet die Zeit in einen kaum mehr erträglichen Schweinsgalopp, Stoffe rasten vorbei und verschwanden unverarbeitet im Nichts. Und auch für Dissidentenruhm waren die Zeiten vorbei. Nun bedurfte es neuer Leben, um in den neuen Zeiten überleben zu können. Tief deprimiert legt Türmer die Autorenfeder aus der Hand was bleibt ist das Keyboard eines Journalisten. Und so endet die Lebensbeichte an dem Punkt, an dem seine Briefe an den lieben Jo beginnen. Der Kreis hat sich geschlossen.
Aber halt es gibt noch eine dritte Adressatin: seine Schwester Vera, die frühzeitig in den Westen rüber machte. Ihr berichtet er ebenfalls von der Gegenwart des Jahres 1990, allerdings deutlich emotionaler an sie bindet ihn eine kaum verhüllte inzestuöse Beziehung.
Selten ist mir ein Buch untergekommen, welches die jüngste deutsche Geschichte so plastisch, so energetisch beschrieben hat. Die Hoffnungen und Ängste des Herbstes 1989, das Chaos um den Dresdner Hauptbahnhof und die Montagsdemos in Leipzig werden distanziert und unterkühlt geschildert und doch zieht die Lektüre den Leser mit in den ereignisreichen Wirbel jener Tage.
Und so ist auch der Stil: glasklar, schnörkellos mit kleinen gelungenen Arabesken hier und da, diese aber hübsch dosiert. Natürlich ist der Stil bunter und lebhafter, als normalerweise in Briefen so geschreibselt wird, doch der Leser dankt es dem Autor.
Ein letztes Wort zur Form.
Es ist ja ein Briefroman (kein BriefWECHSELroman, was natürlich auch interessant geworden wäre, aber den Aufwand hat der Autor wohl auch zu Recht gescheut). Wer einmal Briefeditionen bekannter Leute gelesen hat, wird schnell merken, welche Mühe sich Ingo Schulze mit dieser Form gegeben hat. Unten finden sich immer wieder Fußnoten mit Anmerkungen und Erklärungen einzelner Textpassagen. Einerseits sind dies bierernste Erläuterungen historischer Zusammenhänge, andererseits finden sich darunter aber auch sauertöpfische Besserwissereien, die im fiktiven Herausgeber tiefsitzenden Neid auf den Autor nahe legen. Mit diesem fühlbaren Spaß an der Ironie schickt uns denn also Schulze durch ein dickleibiges Buch, das im Mäntelchen einer akkurat wissenschaftlichen Edition daherkommt.
Ein mitreißendes Lesevergnügen über eine kurze Zeit, als die DDR wieder jung und wild war und doch schon geliefert.