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Neue Vahr Süd
 
 
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Neue Vahr Süd [Gebundene Ausgabe]

Sven Regener
4.3 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (140 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Frank Lehmann ist zurück. Neue Vahr Süd erzählt, wie es dem liebenswerten Kauz neun Jahre vor den Erlebnissen in Sven Regeners grandiosem Erstlingswerk Herr Lehmann ergangen ist. Lehmanns Freunde nennen ihn noch bei seinem Vornamen Frank, er wohnt noch in Bremen bei seinen Eltern im Neubauviertel Neue Vahr Süd und muss seinen Wehrdienst ableisten, weil er schlicht vergessen hat zu verweigern. Und damit ändert sich sein Leben völlig.

Kaum kommt er nach der ersten Woche beim Bund wieder nach Hause, hat sich sein Vater in seinem Zimmer ausgebreitet, um dort kaputte Fernseher zu reparieren. Frank versteht den Wink mit dem Zaunpfahl und zieht aus. In der neuen WG seines Freundes Martin Klapp ist zufällig noch ein kleines Durchgangszimmer frei, und da er unter der Woche eh in der Kaserne ist, genügt ihm das. Und so pendelt er wöchentlich zwischen zwei völlig unterschiedlichen Welten hin und her, von der Kaserne, wo er seine Hemden ordentlich auf A4 Format zusammenlegen muss, zu seiner politisch linken WG, in der niemand abspült. Nur getrunken wird hier wie da.

Frank Lehmann hält immer innerlich Distanz, beobachtet und hinterfragt alles mit einer naiven Sturheit, die das Absurde in beiden Welten aufdeckt. Er verliebt sich und versucht, es sich selbst wieder auszureden, schließlich bringt es ja doch nur Probleme. Und Probleme hat er schon genug beim Bund, in der WG und mit den Eltern, die nicht zuhören, weder ihm, noch sich selbst. Überhaupt wird im ganzen Buch selten richtig zugehört und viel geredet. So entstehen herrliche Dialoge, die Satz für Satz die Figuren und ihre Unfähigkeiten entlarven. Doch nicht bissig-verbittert oder mit erhobenem Zeigefinger, sondern hintergründig, mit viel Humor und irgendwie auch Verständnis für all die seltsamen Gestalten. Neue Vahr Süd ist urkomisch und streckenweise bedrückend zugleich. So lebendig und facettenreich, so klar wie verspielt, so schlichtweg brillant, dass man vor dem Autor nur den Hut ziehen kann und inständig flehen: mehr davon! --Ewald Richter

Amazon.de Audiobook-Rezension

Wer hätte gedacht, dass die Geschichte von Herrn Lehmann eine Fortsetzung erfährt. Nur, dass Herr Lehmann jetzt nicht mehr Herr Lehmann heißt, weil die Fortsetzung neun Jahre vorher spielt und man zu einem 20-Jährigen nun wirklich schlecht Herr sagen kann. Frank Lehmann hat ohnehin andere Sorgen. Er muss zum Wehrdienst, weil er das Verweigern irgendwie verschwitzt hat. Auch dass er in eine chaotische Männer-WG zieht, in der ständig K-Gruppen-Diskussionen geführt werden, macht sein Leben nicht gerade einfacher. Von den üblichen Frauenproblemen ganz zu schweigen.

Aber mit den Problemen wächst auch die Komik, zumindest bei Sven Regener. Dass es viel zu lachen gibt, ist aber auch zu einem guten Teil der Vortragsweise des Autors geschuldet. Auch wenn so manches Wort vernuschelt wird, ansonsten passt seine Interpretation perfekt zum Text: vom schnoddrigen norddeutschen Tonfall bis hin zum flotten Tempo, das er anschlägt. Der Mann ist ja Musiker und findet einfach den richtigen Rhythmus. Sobald man sich eingehört hat, wird man schier süchtig nach diesem Sprach-Sound, den man dann immerhin 12 CDs lang genießen kann. Auch wenn man für das Hörbuch erheblich tiefer in die Tasche greifen muss als für die Printausgabe -- in diesem Fall lohnt es sich wirklich. --Christian Stahl

Spieldauer: ca. 821 Minuten, 12 CDs, ungekürzte Lesung -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Audio CD .

literature.de, 1. Oktober 2004

Pionier Lehmann

Sven Regener zieht mit Neue Vahr Süd die Register seines Könnens noch ein Stück weiter als mit Herr Lehmann. Seine in seinem Debüt bereits bewiesene Stärke, absurd-komische und zugleich aus dem Leben gegriffene Dialoge, spielt er auch hier wieder gekonnt aus, dazu seine (auch in den Texten seiner Band Element of Crime oft demonstrierte) Fähigkeit, für Alltägliches poetische, aber unkitschige Worte zu finden.

Kurzbeschreibung

Neue Vahr Süd ist das Neubauviertel im Osten von Bremen, wo Frank Lehmann aufgewachsen ist. Da er irgendwie vergessen hat, den Wehrdienst zu verweigern, muss er einrücken. Und während seine Freunde miteinander über ihre Version der proletarischen Weltrevolution streiten, kämpft Frank Lehmann, hin- und hergerissen zwischen den widersprüchlichen Welten, mit wirklich allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln für eine eigene, würdige Existenz.Lehmann die Zweite - der beliebteste Anti-Held der deutschen Literatur betritt erneut die Bühne

Wir befinden uns im Jahre 1980 in der Neuen Vahr Süd, einem ganz und gar nicht pittoresken Neubauviertel im Osten von Bremen. Für Frank Lehmann, der gerade seine Lehre beendet hat, noch immer bei seinen Eltern wohnt und irgendwie vergessen hat, den Wehrdienst zu verweigern, wird es ein hartes halbes Jahr. Zwar gelingt ihm nach einem Streit der Auszug aus dem Elternhaus in eine chaotische Wohngemeinschaft, aber ein neues Zuhause hat er damit noch lange nicht gefunden, und die Neue Vahr Süd holt ihn immer wieder ein. Und während Frank - noch immer rätselnd, wie es so weit kommen konnte - in der Kaserne strammstehen, Hemden auf Din A4 falten und durchs Gelände robben muss, streiten seine Freunde für ihre Version der proletarischen Weltrevolution, gegen Militär und Aufrüstung und um die energische Sibille, ohne diese allerdings vorher nach ihrer Meinung gefragt zu haben. Hin- und hergerissen zwischen Auflehnung und Resignation kämpft Frank Lehmann hart am Abgrund und mit allen erlaubten und unerlaubten Mitteln für eine eigene, würdige Existenz zwischen zwei widersprüchlichen Welten.

Sven Regener ist ein komischer und zugleich beklemmender Roman gelungen, der uns über den Aufbruch seines Helden in eine verwirrende Zukunft die frühen achtziger Jahre von einer Seite nahebringt, die wir erfolgreich verdrängt zu haben glaubten.

Klappentext

"Wie schon in seinem ersten Roman sind Regener hinreißende Milieubilder geglückt, die sich insbesondere aus den immer wieder ins Absurde kippenden Dialogen ergeben. Regener beherrscht meisterlich die Kunst der bizarren Zwiesprache ... Vor allem jedoch beherrscht Regener die Kunst der intelligenten Unterhaltung."
Neue Züricher Zeitung

"Wie schon bei 'Herr Lehmann' schlagen Regeners Betonschädelpoesie und zementstaubtrockener Witz den Leser sofort in den Bann. Immer wieder sieht man sich durch die 'ungeheure Geschichte', wie es einmal eher hämisch heißt, zu überraschenden, peinigenden Lachanfällen gereizt."
Der Spiegel

"Fast 600 Seiten lang haben wir mit und über Frank Lehmann wieder gelacht wie wahnsinnig. Um am Ende erstaunt zu bemerken, dass wir soeben einen bedeutsamen deutschen Zeitroman gelesen haben, dem das kleine Wunder gelingt, das eigene Gewicht herunter zu spielen."
Frankfurter Rundschau online -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

"Am letzten Tag, bevor er zur Bundeswehr mußte, war Frank Lehmann in keiner guten Stimmung. Es war der 30. Juni, ein Montag, und er hatte nichts zu tun, es gab nicht einmal irgendwelche Scheinaktivitäten, in die er sich hätte stürzen können, um seine Gedanken von der unausweichlichen Tatsache abzulenken, daß er sich am nächsten Tag in der Niedersachsen-Kaserne in Dörverden/Barme einzufinden hatte, um dort seinen Dienst als Soldat zu beginnen. Das schöne Wetter machte die Sache nicht besser, im Gegenteil, hätte es wenigstens geregnet, dann hätte er vielleicht zu Hause in seinem Zimmer bleiben können, wäre mit einem Buch und einer Tasse Tee auf seinem Bett liegengeblieben und hätte den Tag vergammelt, aber das ging bei schönem Wetter nicht. Genau das impfen sie einem als kleinem Kind schon ein, dachte er, als er am Vormittag in seinem alten Opel Kadett sinnlos durch Bremen fuhr, daß man bei schönem Wetter auf keinen Fall zu Hause bleiben darf, das kriegt man nie wieder raus, dachte er, als er sich ein bißchen am Osterdeich ans Weserufer setzte und darauf wartete, daß ein Bockschiff vorbeikäme, dem er hinterherschauen konnte, dabei ergibt das für jemanden, der zwanzig Jahre alt ist und gerade ausgelernt hat, überhaupt keinen Sinn, bei schönem Wetter draußen herumzuhängen, dachte er, als er wieder im Auto saß und zurück in die Neue Vahr Süd fuhr, einem großen Neubauviertel im Osten von Bremen, wo er noch immer bei seinen Eltern wohnte, und das ist ja auch Quatsch, mit zwanzig noch bei seinen Eltern zu wohnen, dachte er, eigentlich ist das eine Schande, Manni wäre das nie passiert, dachte Frank und merkte wieder einmal, wie sehr ihm sein großer Bruder fehlte, seit der aus Bremen weg nach Berlin gegangen war ..."

Auszug aus Neue Vahr Süd von Sven Regener. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

1. HARRY
Am letzten Tag, bevor er zur Bundeswehr mußte, war Frank Lehmann in keiner guten
Stimmung. Es war der 30. Juni, ein Montag, und er hatte nichts zu tun, es gab
nicht einmal irgendwelche Scheinaktivitäten, in die er sich hätte stürzen
können, um seine Gedanken von der unausweichlichen Tatsache abzulenken, daß er
sich am nächsten Tag in der Niedersachsen-Kaserne in Dörverden/Barme einzufinden
hatte, um dort seinen Dienst als Soldat zu beginnen. Das schöne Wetter machte
die Sache nicht besser, im Gegenteil, hätte es wenigstens geregnet, dann hätte
er vielleicht zu Hause in seinem Zimmer bleiben können, wäre mit einem Buch und
einer Tasse Tee auf seinem Bett liegengeblieben und hätte den Tag vergammelt,
aber das ging bei schönem Wetter nicht.
Genau das impfen sie einem als kleinem Kind schon ein, dachte er, als er am
Vormittag in seinem alten Opel Kadett sinnlos durch Bremen fuhr, daß man bei
schönem Wetter auf keinen Fall zu Hause bleiben darf, das kriegt man nie wieder
raus, dachte er, als er sich ein bißchen am Osterdeich ans Weserufer setzte und
darauf wartete, daß ein Bockschiff vorbeikäme, dem er hinterherschauen konnte,
dabei ergibt das für jemanden, der zwanzig Jahre alt ist und gerade ausgelernt
hat, überhaupt keinen Sinn, bei schönem Wetter draußen herumzuhängen, dachte er,
als er wieder im Auto saß und zurück in die Neue Vahr Süd fuhr, einem großen
Neubauviertel im Osten von Bremen, wo er noch immer bei seinen Eltern wohnte,
und das ist ja auch Quatsch, mit zwanzig noch bei seinen Eltern zu wohnen,
dachte er, eigentlich ist das eine Schande, Manni wäre das nie passiert, dachte
Frank und merkte wieder einmal, wie sehr ihm sein großer Bruder fehlte, seit der
aus Bremen weg nach Berlin gegangen war. Mit Manni hätte er sich jetzt gerne
unterhalten, Manni hätte irgendwas gesagt, das einen aufgemuntert hätte, dachte
er, als er durch das Einkaufszentrum Berliner Freiheit schlenderte, Manni weiß
immer irgendeinen Ausweg, oder jedenfalls sagt er immer etwas, das die Sache in
einem anderen Licht darstellt, dachte er, oder er hat irgendeine Idee, obwohl
er, was diese Bundeswehrsache betrifft, auch nur Quatschideen im Kopf hatte,
dachte Frank, aber ich habe noch nicht einmal das, dachte er, bei mir reicht's
noch nicht einmal für Quatschideen, ich weiß noch nicht einmal, wie alles
überhaupt so weit kommen konnte.
Irgendwas ist schiefgelaufen, dachte er und setzte sich, des Schlenderns durch
das Einkaufszentrum Berliner Freiheit müde geworden, auf eine Mauer mit Blick
auf den Vorplatz des Bürgerzentrums, soviel ist mal klar. Da unten war zum
Beispiel mal der Minigolfplatz, dachte er fahrig, der ist nun auch weg, und
Manni auch, und ich ab morgen irgendwie auch, und so müssen sich Arbeitslose
vorkommen, dachte er, ich hätte die Lehre nicht machen sollen, das war schon mal
ein Fehler, die hat mich irgendwie rausgehauen, aus der Kurve getragen, dachte
er, man verliert seine alten Freunde, wenn man eine Lehre macht, jedenfalls die
aus der Schule, dachte Frank, und man gewinnt nicht viele neue dazu, genauer
gesagt gar keine, dachte er, letztendlich ist nur Martin Klapp übriggeblieben,
und der ist untauglich, außerdem bin ich zu alt für die Bundeswehr, dachte er,
und alle anderen haben verweigert und fahren Behinderte, wie Ralf Müller, und
der ist auch schon fast fertig damit, und danach studieren sie oder was, dachte
er, und ich bin gelernter Speditionskaufmann und wohne noch bei meinen Eltern
und muß zum Bund, wer konnte damit rechnen, und wenn man schon wie ein
Arbeitsloser hier rumhängt, dann kann man auch gleich in den Vahraonenkeller
gehen, dachte er und stieg kurzentschlossen aus der sonnendurchfluteten Berliner
Freiheit hinab in den Vahraonenkeller, in dem er früher, als er noch gegenüber
auf das Gymnasium an der Kurt-Schumacher-Allee gegangen war, immer seine
Freistunden und auch die unentschuldigten und entschuldigten Fehlstunden
verbracht hatte, die seiner Schulkarriere schließlich das Genick gebrochen
hatten.
Wahrscheinlich ein Fehler, hier reinzugehen, dachte er, als er den grottenhaften
Raum betrat, in dem nur ein paar Trinker fortgeschrittenen Alters herumsaßen,
von ein paar Schülern einmal abgesehen, die - wie um ihm einen Spiegel
vorzuhalten - in einer der Sitzbuchten saßen und miteinander schwatzten und
lachten, es war damals schon ein Fehler, hier reinzugehen, aber da hat es
wenigstens Spaß gemacht, dachte er, heute ist es nur noch falsch. Er setzte sich
so weit wie möglich von den Schülern weg an einen leeren Tisch und bestellte
eine Tasse Tee. Das ist Quatsch, das hätte man gleich lassen können, das ist
jetzt alles Vergangenheit, dachte er, im Vahraonenkeller sitzen und Tee trinken,
das bringt nichts, man muß nach vorne schauen, dachte er, aber als er da so saß,
in seinem Tee rührte und nach vorne schaute, sah er da nur die Bundeswehr, die
in Dörverden/Barme auf ihn wartete, dahinter war gar nichts, er hatte nicht den
Hauch einer Ahnung, was er danach machen sollte, außer vielleicht in seinem
erlernten Beruf weiterarbeiten, aber das geht ja auch nicht, das ist ja total
sinnlos, wenn man so einen Quatsch wie die Bundeswehr durchzieht und dann
einfach da wieder weitermacht, wo man vorher aufgehört hat, dachte er.
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