Ein Meisterwerk wie Alan Moores und Dave Gibbons Graphic Novel "Watchmen" hat es verdient, auch literaturwissenschaftlich unter die Lupe genommen zu werden. Es handelt sich schließlich um eine sehr komplexe Geschichte, die mit vielen Verweisen in verschiedene Werke aus Philosophie und Literatur arbeitet. Superhelden sind Teil der Pop-Kultur - Superman, Spiderman, Hulk kennt jeder und man hat natürlich gewisse Vorstellungen: Das sind die Superhelden und die müssen so und so sein.. Alan Moores Watchmen hat diese Vorstellungen mit seiner "neuen Perspektive auf die Superhelden" ganz schön durcheinander gebracht. Identität ist da ein wichtiges Stichwort - die Helden sind Menschen, die von ihren "Masken" verändert werden - was ganz eigene Probleme für sie aufwirft. Unglaublich spannende Angelegenheit sich diesen Prozess (natürlich im Rahmen einer packenden Action-Story) einmal genauer anzuschauen..
Karin Kukkonen hat sich dem Buch aus literaturwissenschaftlicher Sicht genähert und betrachtet die Watchmen einmal genauer hinsichtlich dem Aspekt des Dialogs menschlicher Blickwinkel, dem im Werk eine wichtige Rolle zu kommt. Die Rede ist hier von M.M. Bachtins Konzept der Polyphonie. M.M. Bachtin war ein russischer Literatur- und Kulturwissenschaftler, der seine wichtigsten Schriften bereits in den 20er und 30er Jahren veröffentlichte. Karin Kukkonen geht folgendermaßen vor: Zunächst wird der Begriff der Polyphonie erläutert, dann das Lesen von Comics als eine durchaus eigene Kulturtechnik erklärt (es sind ja auch wirklich viele Regeln zu beachten, um mit einem Comic tatsächlich etwas anfangen zu können). Kulturwissenschaftlich interessant sind die Superhelden als Neuer Mythos im darauffolgenden Gliederungspunkt. Das zweite Kapitel geht in die Anwendung und zeigt die "Polyphonie in der Narration" - ein gutes und gelungenes Beispiel für eine strukturalistische Herangehensweise. Später gibt es auch noch eine interessante Zusammenstellung der Vorbildfiguren für die "Watchmen" bei der gezeigt wird, wie Moore die verschiedensten Einflüsse für seine Story verarbeitet hat. Das ist natürlich auch für die Lektüre des Comics reizvoll, wenn man da die Hintergründe ein bisschen kennt.
Fazit: Ein spannendes Projekt, sich mit einem zu unrecht stiefmütterlich behandelten Genre der modernen Literatur, wissenschaftlich zu beschäftigen. Das Buch eröffnet tatsächlich neue Sichtweisen auf die Komposition einer Geschichte
wie der der Watchmen. Als Ergänzung zum Comic ist es auch reizvoll zu lesen. Natürlich ist es auch ein literaturwissenschaftlich anspruchsvolles Buch (eine wissenschaftliche Abschlussarbeit) und über einige Strecken ohne Vorkenntnisse nicht so leicht zu verstehen.