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12 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
"Und es gehen die Menschen und bestaunen [...] und haben nicht acht ihrer selbst." (Augustinus), 7. Mai 2009
"Denn es ist wirklich an der Zeit, daß man nach allen vorhergegangenen
Jahrhunderten Größeres sowohl erhoffe als auch versuche."
(Johann Amos Comenius, 1639)
"Größeres sowohl erhoffen als auch versuchen" war bereits nach Jacob Burckhardt die Vision der Renaissance und Jahrhunderte später war die Moderne nicht verlegen darum, Parolen zu verkünden, die dennoch sich an alte anlehnten. "Die Menschen können von sich aus alles, sobald sie wollen" ist auch eine Parole des 15. Jahrhunderts und doch heute gültig. Also geht es weniger darum, sich an neue Helden zu orientieren, sondern die Orientierung als eine Sache des reflektierenden Ichs zu betrachten. Die abendländische Moderne wird damit erst verständlich, wenn Hoffnungsziele und Glaubenskräfte klar und deutlich werden.
Gottfried Küenzlen (1945- ) versucht aufzuzeigen, wie das Anders- bzw- Neusein den Menschen beeinflusst und so einer Wiedergeburt gleichkommt, die die Kultur begleitet. Sein bereits 1994 veröffentlichtes Buch verliert nicht an Aktualität durch die Jetztzeit, sind doch viele Überlegungen über die Jahrtausende Wegbereiter einer Gegenwart. Um jedoch über Vorbilder und Beeinflusser den Weg des neuen Menschen zu verfolgen, sind Rousseau und Darwin, dann Marx und Nietzsche diejenigen, die die Ideengeschichte vorbereitet haben, um der Realgeschichte der frühen Jugendbewegung bis zur Studentenbewegung der 68er einen Landeplatz zu ermöglichen.
Nur - und das gilt über alle Epochen - ist ein Landeplatz wie ein Basislager. Expeditionswünsche bleiben im Kopf und damit wird durch Wartezeit das Basislager unsicher. Unsicher wird daher auch der Blick nach vorn, sofern man ihn noch wagt.
Genau diese Situation macht Küenzlen wieder modern. Denn wo liegen die neuen Bilder der Hoffnung für den neuen Menschen? Was ist die geistig-kulturelle Zukunft? Diese Fragen, an Max Weber angelehnt, treffen die Moderne in jener Zeit und doch das Herz der Gegenwart.
Denn was der Mensch der Zukunft ist, der neue Mensch, ist eine Frage der Gegenwart und eine Wirkung auf die Zukunft. Warum wir keine Antwort haben in der Zeit der Krise, mag an der vorgestellten Ausweglosigkeit liegen und doch müssen wir Menschen wissen, dass die Lösung im Diesseits liegen muss. So wie Pindar bereits im 5. JH vor Chr. empfahl, den Wunsch, wie Zeus zu sein, aufzugeben, "denn es gebürt Sterbliches Sterblichen nur", so können wir die reine Existenz auch an Camus' Revolte reiben und mit ihm das Menschsein als Weigerung, Gott zu sein, begreifen. Junghegelianer wie die Marxsche Einsicht stellt fest, dass 'der Mensch den Menschen erzeugt'. Was macht dieser Gedanke aus den Menschen? Wenn die Produktion den bisherigen Wohlstand sicherte, sind in unsicheren Zeiten Kulturphänomene wichtig und brauchen einer Führung.
So bleibt es wieder wie zuvor. Helden sind nur Bilder, der neue Mensch ist in einem selbst und die Suche nach ihm ist kulturbestimmend und immerwährend. Damit wird Leben zur Kommunikation und zur Übung. Der übende Mensch ist die Quelle aller Kultur, lebender Ausdruck des Menschenmöglichen; er wirkt damit als "Der neue Mensch" immerwährend auf die Neuzeit wie auf die augenblickliche Jetztzeit. Der neue Mensch wird gemacht, wie Mircea Eliade schrieb, vollzogen aus einer inneren Notwendigkeit oder wie Sloterdijk konstatierte: "die metaphorische Gleichsetzung von philosophischer Sorge um sich und bildhauerische Arbeit an der inneren Statue" ist ein Trainingsprogramm der Selbsterschaffung, analog einer neuen Schöpfung, wie es die Buchreligionen verheißen. Dass Menschen von Versuch zu Versuch gewälzt werden, wusste schon Augustinus, doch heute lässt sich der Mensch auf jedes Ereignis ein, freiwillig natürlich, in der Annahme, dass Neue habe immer Recht oder gem. der Matthäus-Regel (MT 25,29): Wer hat, dem wird gegeben werden.
Der Aufbruch ist wie ein Weg auf den Mont Ventoux des Francesco Petrarca (1304-1374). Augustinus Confessiones zur Hand konnte dieser nur dem zufälligen Vers folgen, der auch dem neuen Menschen gilt, dass der Blick auf die Außenwelt ein tiefes Empfinden erzeugen kann aber nichts ist, gegen die Sicht ins tiefste Innere. ("Und es gehen die Menschen und bestaunen [...] und haben nicht acht ihrer selbst.")
Der Mensch der Neuzeit muss sich von der Wichtigkeit des Gedanken lösen, dass es besser sei, dass Geld um die Erde als dass diese um die Sonne läuft. Der Mensch in der Modernen muss begreifen, für wen der Appell der Veränderung gilt: der Welt oder ihm selbst oder beiden gleich. Man rettet sich nicht selbst, indem man die Welt rettet, sagt Sloterdijk und gibt damit den Fingerzeig einer Priorität.
Küenzlens Anliegen ist daher geprägt von einer geistig-religiösen Lehre des Abendlandes und seine Bezüge begreifen vorwiegend den Teil der säkularen Religionsgeschichte der Modernen. Auch für ihn gilt der neue Mensch als derjenige, der sich jederzeit so verhält, dass er in seiner Person die bessere Welt in der schlechteren vorwegnimmt.
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