Aus der Amazon.de-Redaktion
Ingo Schulzes Roman
Neue Leben ist hoch romantisch. Das gilt nicht nur für die Herausgeberfiktion des Untertitels --
Die Jugend Enrico Türmers in Briefen und Prosa. Herausgegeben, kommentiert und mit einem Vorwort versehen von Ingo Schulze --, die man aus vielen Romanen aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kennt. Das gilt auch für den Glauben an das Glück des Schreibens, der den Protagonisten inmitten der Ungerechtigkeit der DDR schon in der Jugend in der Provinz überfällt. Das gilt für den Glauben in die Macht der Phantasie, die Mauern zum Einsturz bringen kann -- ein Glauben, in den sich Türmer einigelt wie in einen Elfenbeinturm. Und das gilt für die Kraft wahrhaft mephistotelischer Verführungskunst, der sich der Held nach dem tatsächlichen Fall der Mauer 1989 ausgesetzt sieht. Der inneren Widerstands-Immigrant und desillusionierte Überzeugungs-Ossi aus Altenburg wird dank der Mithilfe eines humpelnden Aushilfsteufels namens Clemens von Barrista zum Kapitalisten ersten Ranges, der zwar weiter Texte produziert, bezeichnenderweise aber als Chef eines Anzeigenblättchens, das den Grundstock bildet für sein späteres Medienimperium: Eine deutsch-deutsche Karriere, die Schulze in großartiger Manier als klassischen Briefroman erzählt.
Sieben Jahre haben Fans von Ingo Schulze auf ein neues Buch warten müssen nach dem sensationell guten Roman Simple Storys, immer wieder mit Hoffnung gefüttert durch Vorabveröffentlichungen in Zeitungen oder durch Live-Lesungen längerer Passagen. Das Warten hat sich gelohnt. Denn Neue Leben ist mit 800 Seiten nicht nur unglaublich dick und episch breit, sondern auch schlichtweg großartig geschrieben. Auch wenn die Fußnoten Schulzes beizeiten allzu lehrmeisterlich daherkommen und der viel zu lang geratene Anhang mit angeblich verworfenen Texten Türmers sich wohl als Sammlung mit verworfenen Texten Schulzes entpuppt, die besser verworfen geblieben wären, ist Neue Leben trotzdem jener Wende- und Wendehals-Roman, auf den alle seit langem gewartet haben. Dass er so autobiographisch angehaucht daher kommt, gibt ihm einen weiteren, verführerischen Reiz. --Stefan Kellerer
800 Seiten zur Deutschen Einheit? In einer Zeit, in der selbst das konservative Feuilleton nicht mehr wagt, nach dem großen Wenderoman zu verlangen, veröffentlicht Ingo Schulze einen Ziegelstein zum Thema. 1998 schrieb sich der heute 43-jährige Wahlberliner mit den Simple Storys"in die Bestsellerliste und zählt seitdem zu den wichtigsten deutschen Gegenwartsautoren. Nach sieben Jahren voller Gerüchte über Schreibhemmungen, ist Neue Leben" jetzt der vorprogrammierte Höhepunkt der aktuellen Buchsaison. Schulze liefert neben dem überstrapazierten Thema sogar noch weitere Zumutungen und verpackt die Geschichte seines Protagonisten Enrico Türmer als Briefroman, inklusive Fußnoten eines fiktiven Herausgebers und 100-seitigem Anhang. Hauptfigur Türmer schreibt Anfang 1990 Briefe an seine Schwester, den Jugendfreund und die Geliebte, in denen er aus Kindheit, Jugend und NVA-Zeit berichtet. Am Einzelschicksal zeichnen die Briefe den gesellschaftlichen Wandel: Wenn Türmer vom Pseudoschriftsteller und Theaterdramaturgen zum Redakteur einer Wochenzeitung und schließlich zum Macher eines Anzeigenblattes mutiert, dann spiegelt er den Übergang von einer aus der Not geborenen Brüderlichkeit zum hemmungslosen Kapitalismus. Und ganz egal, wie sperrig und verwirrend Schulze seinen Roman anlegt, mit Türmer hat er eine Hauptfigur entwickelt, die selbst diesen Marathonroman trägt und Interesse für ein Thema weckt, das noch längst nicht aus der Diskussion verschwinden sollte. (cs)
Kurzbeschreibung
Ostdeutsche Provinz, Januar 1990. Enrico Türmer, Theatermann und heimlicher Schriftsteller, kehrt der Kunst den Rücken und heuert bei einer neu gegründeten Zeitung an. Scheinbar erlöst vom Zwang, die Welt zu beschreiben, stürzt Türmer sich ins tätige Leben. Von dieser Lebenswende in Zeiten des Umbruchs erzählen die Briefe Enrico Türmers, geschrieben im ersten Halbjahr 1990 an seine drei Lieben an die Schwester Vera, den Jugendfreund Johann und an Nicoletta, die Unerreichbare. Dabei entsteht, wovon Türmer so lange geträumt hat: Der Roman seines Lebens, in dessen Facetten sich die Zeitgeschichte bricht und spiegelt. In seinem lang erwarteten neuen Roman erweist sich Ingo Schulze wiederum als großer Erzähler, der es auf unnachahmliche Weise versteht, den Irrwitz der so genannten Wendezeit heraufzubeschwören.
Über den Autor
Ingo Schulze wurde 1962 in Dresden geboren, studierte klassische Philologie in Jena und arbeitete in Altenburg als Schauspieldramaturg und Zeitungsredakteur. Seit 1993 lebt er in Berlin. Für sein erstes Buch 33 Augenblicke des Glücks (Berlin Verlag 1995) wurde er u. a. mit dem aspekte-Literaturpreis ausgezeichnet. Für Simple Storys (Berlin Verlag 1998) erhielt er den Berliner Literaturpreis mit der Johannes Bobrowski-Medaille. Der New Yorker zählte ihn im gleichen Jahr zu den Six Best European Young Novelists. 2000 erschien Von Nasen, Faxen und Ariadnefäden (zusammen mit Helmar Penndorf). 2001 erhielt er den Joseph-Breitbach-Literaturpreis. Seine Bücher wurden in 24 Sprachen übersetzt.