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Neue Leben
 
 
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Neue Leben [Gebundene Ausgabe]

Ingo Schulze
3.5 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (25 Kundenrezensionen)
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Produktinformation

  • Gebundene Ausgabe: 794 Seiten
  • Verlag: Berlin Verlag; Auflage: 1., Aufl. (1. Oktober 2005)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3827000521
  • ISBN-13: 978-3827000521
  • Größe und/oder Gewicht: 21,8 x 15 x 5,2 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 3.5 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (25 Kundenrezensionen)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 154.969 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

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Ingo Schulze
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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Ingo Schulzes Roman Neue Leben ist hoch romantisch. Das gilt nicht nur für die Herausgeberfiktion des Untertitels -- Die Jugend Enrico Türmers in Briefen und Prosa. Herausgegeben, kommentiert und mit einem Vorwort versehen von Ingo Schulze --, die man aus vielen Romanen aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kennt. Das gilt auch für den Glauben an das Glück des Schreibens, der den Protagonisten inmitten der Ungerechtigkeit der DDR schon in der Jugend in der Provinz überfällt. Das gilt für den Glauben in die Macht der Phantasie, die Mauern zum Einsturz bringen kann -- ein Glauben, in den sich Türmer einigelt wie in einen Elfenbeinturm. Und das gilt für die Kraft wahrhaft mephistotelischer Verführungskunst, der sich der Held nach dem tatsächlichen Fall der Mauer 1989 ausgesetzt sieht. Der inneren Widerstands-Immigrant und desillusionierte Überzeugungs-Ossi aus Altenburg wird dank der Mithilfe eines humpelnden Aushilfsteufels namens Clemens von Barrista zum Kapitalisten ersten Ranges, der zwar weiter Texte produziert, bezeichnenderweise aber als Chef eines Anzeigenblättchens, das den Grundstock bildet für sein späteres Medienimperium: Eine deutsch-deutsche Karriere, die Schulze in großartiger Manier als klassischen Briefroman erzählt.

Sieben Jahre haben Fans von Ingo Schulze auf ein neues Buch warten müssen nach dem sensationell guten Roman Simple Storys, immer wieder mit Hoffnung gefüttert durch Vorabveröffentlichungen in Zeitungen oder durch Live-Lesungen längerer Passagen. Das Warten hat sich gelohnt. Denn Neue Leben ist mit 800 Seiten nicht nur unglaublich dick und episch breit, sondern auch schlichtweg großartig geschrieben. Auch wenn die Fußnoten Schulzes beizeiten allzu lehrmeisterlich daherkommen und der viel zu lang geratene Anhang mit angeblich verworfenen Texten Türmers sich wohl als Sammlung mit verworfenen Texten Schulzes entpuppt, die besser verworfen geblieben wären, ist Neue Leben trotzdem jener Wende- und Wendehals-Roman, auf den alle seit langem gewartet haben. Dass er so autobiographisch angehaucht daher kommt, gibt ihm einen weiteren, verführerischen Reiz. --Stefan Kellerer

kulturnews.de

800 Seiten zur Deutschen Einheit? In einer Zeit, in der selbst das konservative Feuilleton nicht mehr wagt, nach dem großen Wenderoman zu verlangen, veröffentlicht Ingo Schulze einen Ziegelstein zum Thema. 1998 schrieb sich der heute 43-jährige Wahlberliner mit den „Simple Storys"in die Bestsellerliste und zählt seitdem zu den wichtigsten deutschen Gegenwartsautoren. Nach sieben Jahren voller Gerüchte über Schreibhemmungen, ist „Neue Leben" jetzt der vorprogrammierte Höhepunkt der aktuellen Buchsaison. Schulze liefert neben dem überstrapazierten Thema sogar noch weitere Zumutungen und verpackt die Geschichte seines Protagonisten Enrico Türmer als Briefroman, inklusive Fußnoten eines fiktiven Herausgebers und 100-seitigem Anhang. Hauptfigur Türmer schreibt Anfang 1990 Briefe an seine Schwester, den Jugendfreund und die Geliebte, in denen er aus Kindheit, Jugend und NVA-Zeit berichtet. Am Einzelschicksal zeichnen die Briefe den gesellschaftlichen Wandel: Wenn Türmer vom Pseudoschriftsteller und Theaterdramaturgen zum Redakteur einer Wochenzeitung und schließlich zum Macher eines Anzeigenblattes mutiert, dann spiegelt er den Übergang von einer aus der Not geborenen Brüderlichkeit zum hemmungslosen Kapitalismus. Und ganz egal, wie sperrig und verwirrend Schulze seinen Roman anlegt, mit Türmer hat er eine Hauptfigur entwickelt, die selbst diesen Marathonroman trägt und Interesse für ein Thema weckt, das noch längst nicht aus der Diskussion verschwinden sollte. (cs)

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6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen Das Absurditätenkabinett der Wende, 14. Mai 2006
Von 
dreamjastie (Dresden) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 1000 REZENSENT)   
Rezension bezieht sich auf: Neue Leben (Gebundene Ausgabe)
Enrico Türmer, der Protagonist aus 'Neue Leben', wurde geboren in Dresden, studierte in Jena und arbeitete später in Altenburg als Dramaturg und Zeitungsredakteur. Mit eben jenen biografischen Eckdaten wird auch Ingo Schulze im Klappentext vorgestellt. Wieviel von Enrico Türmer ist also in Wirklichkeit Ingo Schulze?

Nach der allgemeinen Lobhudelei des Feuilletons habe ich Interesse an diesem Roman bekommen und wurde alles in allem nicht enttäuscht, obwohl ich das Lob nicht uneingeschränkt bekräftigen möchte.

Der Roman beschränkt sich auf einen zeitlich eng begrenzten Ausriss von etwa einem halben Jahr und zeigt damit, in welch erstaunlich kurzem Zeitraum die Wende und ihre Protagonisten ihre "Unschuld verloren" und die hehren Ziele jener Zeit Makulatur wurden. Das Vorwort nimmt vorweg, wohin die Reise geht: vom Bankrott und der Flucht des Helden ist da die Rede, auch davon, dass der windige Unternehmensberater Clemens von Barrista, unschwer als Mephistopheles erkennbar, ebenfalls spurlos verschwindet. Doch der begrenzte Zeitraum reicht, um pointenreich eine Zeit der Ungeheuerlichkeiten nachzuzeichnen, in der alles möglich schien.

Gelungen finde ich den zeitlichen Ablauf des Romans: er beginnt am 6.1.1990 mit einem Fragment, mitten im Satz. In den Briefen an seine Schwester und seinen Jugendfreund schreibt er über Persönliches, über die Ungeheuerlichkeiten der Wendezeit (dies ist durchaus nicht nur lustig, denn Schulze / Türmer spart auch die Gewalt der DDR-Polizei und der Stasi nicht aus) sowie über die Fortschritte der Unternehmensgründung. In den Briefen an die von ihm angehimmelte Nicoletta Hansen hingegen lässt er die DDR-Zeit Revue passieren und endet dort, wo der Roman beginnt, mit einer Schneeballschlacht am 6.1.1990.

Schulzes großes Talent besteht in der originellen Beschreibung der Personen, etwa Tante Trockels, der Zeitungsbelegschaft oder Barristas. Im Gegensatz zu anderen Rezensenten empfand ich die Beschreibungen als erfrischend und plastisch. Und ferner hat Schulze das Talent, quasi en passant die Absurditäten der Vor- und Nachwendezeit aufzudecken, manchmal in Nebensätzen, etwa wenn er schreibt: "'Die Demonstration löste sich nach dem Marsch um den Ring schnell auf. Man wollte rechtzeitig zurück sein, um sich in der Tagesschau zu sehen." Absurd auch die ersten Reisen in den 'Westen' und das Panoptikum, das er dabei entwirft (die Ossis an der Raststätte oder beim ersten Einkauf mit "Westgeld"), oder der Dissidenten-Traum als hilfloser Versuch, im DDR-Leben einen Platz zu finden. Aber hey: absurd und grotesk ' so war jene Zeit tatsächlich, bis hinein ins Nebensächliche!

Bisweilen schienen mir die homoerotischen Passagen sehr ausgestellt, obendrein wird darauf in den Fußnoten eingegangen, ohne Sachverhalte wirklich zu vertiefen. Unverständlich, dass dies wie auch diverse Auslassungen über die Verdauung ausgerechnet an die Frau gerichtet sind, um die er ganz offensichtlich wirbt. Einer der Widersprüche des Enrico Türmer. Oder Schulzes?

Die Fußnoten sind wohl nötig, um Schulzes Status als (eifersüchtigen) Herausgeber herauszustellen. Manche sind freilich überflüssig, insbesondere solche Querverweise, die eigentlich geschickt gelegte Fußangeln dann doch mit einem 'Aufgepasst!'-Schild versehen.

Der Anhang ließ mich reichlich ratlos zurück. Hier werden die geistigen Ejakulate Türmers (Schulzes?) abgedruckt, von denen Schulze einleitend selbst sagt, dass die literarische Qualität 'bestenfalls zweitrangig' sei. Ihr Stil ist enervierend. Zwar liegen den Geschichten "Schnitzeljagd" und "Stimmabgabe" aberwitzige surrealistische Ideen zugrunde, in weiten Teilen wird aber auf die auch von Türmer selbst geringschätzig besprochenen (und gleichwohl an eine der Briefadressatinnen verschickten) Texte bereits in ausreichendem Maße in den Briefen eingegangen, was den Abdruck im Anhang überflüssig macht. Aus dem Abdruck ergibt sich lediglich ein Widerspruch, den Schulze im Vorwort zwar aufzeigt, aber nicht löst: 'Auch hier (in den Briefen an den Jugendfreund Johann Zielke) schien Türmer, wie schon in den Briefen an Nicoletta, das geglückt zu sein, was er in seiner Prosa immer vergeblich versucht hat.' Das qualitative Gefälle zwischen den Briefen und den Prosatexten ist allzu offensichtlich.

Ob Schulzes Roman nun DER große Wenderoman ist, kann ich mangels Kenntnis anderer Werke zum Thema nicht beurteilen. Die Zeit jedenfalls wurde sehr vielschichtig, kenntnisreich und originell beleuchtet. Ich als "Ossi" habe mich auf anspruchsvollem Niveau gut unterhalten gefühlt. Keine Angst vor dem Umfang: zumindest die 'ersten' 660 Seiten lassen sich in einem Rutsch durchlesen. Danach kann man das Buch getrost zuklappen.
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7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen der wenderoman???, 5. Juli 2006
Rezension bezieht sich auf: Neue Leben (Gebundene Ausgabe)
Das also soll er sein, der ultimative Wenderoman.

Die Idee, einen Roman auf der Basis von Briefen zu schreiben, finde ich verblüffend wirkungsvoll. Derartige Bücher findet man selten in der Literatur und es geht hier auch nicht um ein ganz großes Vorbild vergangener Jahrhunderte.

Von Schulze hatte ich vorher noch nichts gelesen, habe mir aber mittlerweile seinen Erstling schon besorgt. Ich mag seinen Sprachwitz und seinen lockeren Umgang mit den Wörtern. Er formt aus ihnen klare und verständliche Sätze. Doch noch mehr hat mich der Aufbau des Romans beeindruckt. Der Protagonist Türmer schreibt Briefe an seine Schwester Vera, an seinen alten Freund Joachim und an Nicoletta, einer Frau, die er einmal gesehen hatte. Stück für Stück erschließt sich dem Leser das Leben des Protagonisten, wobei ich anfangs schon Schwierigkeiten hatte, mich in den Text einzulesen. Wie gekonnt Schulze den Enrico Türmer seine Erlebnisse auf unterschiedliche Weise schildern ließ, fand ich schon bemerkenswert. So bekommt der Leser schon die Richtung, in welche die Briefe gehen, je nachdem, an wen Türmer sein Wort richtet. Nur manchmal haben mich die Fußnoten gestört, weil sie absichtlich in eine Richtung gingen. Und viele Ereignisse hat man selbst noch im Kopf parat, auch wenn sie schon über 16 Jahre zurück liegen.

Aber ist dieses nun der ultimative Wenderoman? Ich habe schon viele Bücher gelesen, die dieses von sich behaupten (obwohl es hier ja mehrheitlich die Kritiken waren, die dieses Buch als solches feierten). Gelegentlich fand ich mich in dieser Zeit wieder (schön der Ausdruck *Auf welche Art und Weise kam der Westen in meinen Kopf?*). Wer erinnert sich nicht an das erste Mal, als man als ehemaliger *Zoni* zum ersten Mal im nicht sozialistischem Wirtschaftsgebiet unterwegs war? Oder die ersten freien Wahlen. Aber diese Dinge, die Gefühle und alles andere Drumherum beschreibt ein anderes Buch meiner Meinung nach viel besser. Das ist Brussigs *Wie es leuchtet*. Und das wäre auch schon fast der einzige Makel an *Neue Leben*. Nie habe ich beim Lesen die Zeit um 1989/90 intensiver miterlebt als bei Brussig. Pech für Schulze, das ich dieses Buch später gelesen hatte. Es ist zweifelsohne ein großartiger Roman, der die Wendezeit trefflich beschreibt, aber nicht mein Favorit diesbezüglich.
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19 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen Young, wild DDR, 10. September 2006
Rezension bezieht sich auf: Neue Leben (Gebundene Ausgabe)
In der jüngeren deutschen Geschichte hat es eine fast unbemerkte Phase gegeben, in der die Wege der Zukunft in alles Richtungen offen waren. Diese Phase war kurz, ein knappes Jahr höchstens dann war Schluß mit lustig und die DDR war ins westliche Prinzip eingemeindet.

Von dieser kurzen Phase, ihrem schüchternen Beginn, ihrer Eruption und ihrem schleichenden Verdämmern berichtet dieses Buch.

Ingo Schulze hätte es sich leichter machen können. Er hätte einen straff strukturierten Roman runterschreiben können und es wär wohl auch damit gut gewesen, aber nein  der junge Mann wählt die Form eines Briefromans.

Wir lesen also die Briefe eines gewissen Enrico Stürmer  ein Intellektueller an der Schwelle zur Lebensmitte  aus dem thüringischen Altenberg, verfasst zwischen Januar und Juli 1990. Für uns Wessis war es ja eher das Jahr des neugierigen, aber reservierten Blicks rüber nach Osten, was da wohl so abginge. Wer in jenen Tagen nicht drüben war, dürfte es kaum gespürt haben: diese pulsierende öffentliche Leben, das so kurz vorher noch mausetot war, dieses Nebeneinander von charmantem Chaos und der erprobten Fähigkeit zur Improvisation. Mit dem Fall der Mauer war eine eherne Staatsordnung implodiert und ein ganzes Land schien plötzlich offen für neue politische Versuche. Vorbei war es mit der Friedhofsruhe vergangener Jahre, plötzlich tauchten weise Köpfe und freche Rundfunksender auf, die den Noch-ein-bischen-Mächtigen ziemlich am Kragen zuppelten. Beste Zeiten also, um etwas Neues zu beginnen, wie auch Enrico Stürmer, der mit Gesinnungsfreunden eine neue Wochenzeitung für Altenburg aus der Taufe hebt. Sie soll zum lauten Sprachrohr der neudemokratischen Kräfte werden und stets Ämterwillkür und Bonzen-Seilschaften unnachsichtig anprangern  so wünschen es sich zumindest die Gründungsmitglieder. Gern holt man sich dabei auch den Rat erfahrener Zeitungskollegen aus dem Westen, der auch erteilt wird  doch es dauert sehr, sehr, sehr lange bis die Enthusiasten zu ahnen beginnen, dass dieses Interesse im Westen nicht immer völlig uneigennützig ist. Während nämlich im Osten noch vielerorts über soziale bis sozialistische Zukunfskonzepte palavert wurde, stießen die Wessi-Glücksritter bereits tief ins Land vor  der DDR-Goldrush, ein verfallendes Land unbegrenzter Möglichkeiten. Ein den Habenichtsen onkelhaft gewährter Kredit  und schon war man drin im Geschäft. Die Aussicht auf die Ansiedlung von Gewerbegebieten schubste Sahne-Immobilien in die Hände neuer Besitzer.

In diesem Gewirr unterschiedlicher bis gegenläufiger Strömungen konnte man schon mal die Orientierung verlieren oder Entwicklungen aus den Augen verlieren. Enrico Türmer bemerkt schon bald die ersten Indizien der kapitalistischen Umarmung, die hier und da auch schon mal ersticken konnte. Mehr Anzeigen müssten her, damit die Zeitung überleben könne, so seine Warnung, doch für seine puristischen Mitstreiter ist das nicht akzeptabel. Als sich Türmer mit dem Gedanken trägt  with a little help from his west-friends  ein Anzeigenblatt ins Leben zurufen, wird er zum Verräter an den Idealen der ersten Stunde. Diese Erlebnisse des Jahres 1990 schildert er in den Briefen an den lieben Jo, seinem alten Freund aus den Schultagen Johannes Zühlke.

Doch Zühlke ist nicht der einzige Adressat Türmers  es gibt auch noch Nicoletta, eine Fotojournalistin, die Türmer auf ihrer Fotosafari durch die DDR-Savanne über den Weg lief. Und in sie verguckt er sich bis über beide Ohren. Er bombardiert sie mit  weitgehend unbeantwortet bleibenden  Briefen, in denen er eine Lebensbeichte ablegt. Demütig legt er ihr seine gebrochene Intellektuellen-Biografie zu Füssen. Bereits als fader Schüler widerfuhr ihm ein Erweckungserlebnis, das ihm großen literarischen Ruhm prophezeite. Er verpasste seinem Leben einen harten Schnitt  kein verspielter Schlendian mehr, nun galt es, das Leben in literarische Form zu gießen. Wo andere dem nahenden Wehrdienst in der NVA beklommen entgegensahen, fieberte er dieser Zeit entgegen: wo sonst würde man so viel Stoff für Geschichten erleben ! Drill, Schikane und Entwürdigung  als Futter für Papier ließ sich das alles ertragen. (Als aufmerksamer NVA-Soldat musste Türmer dann allerdings erleben, dass das Soldatenleben deutlich weniger sensationell war als erhofft).

Aber noch eine zweite Komponente treibt Türmer in jenen Jahren um: die eitlen Verlockungen eines Dissidenten-Schicksals, der Ruhm einer klaren und ungebrochenen Stimme des Widerstandes, ein Wandler auf den Spuren des ausgebürgerten Biermann zu werden. Und was sollte letzten Endes schon passieren außer einer Ausweisung  und einem guten Leben mit fetten Tantiemen im Westen ?

Doch bevor Türmer noch so richtig seine Feder spitzen konnte, machte ihm die Zeitgeschichte einen dicken Strich durch die Rechnung, denn plötzlich war Gorbi in aller Munde und jene, die ihn aussprachen, hatte man bislang auch nicht nicht gesehen in diesem Friedhofsstaat: Rauschebart-Theologen, Pazifisten und Umweltaktivisten. Und plötzlich schreiben wir das Jahr 1989 und es gibt im Land so etwas wie ein verhaltenes, aber spürbares grummeln der Unzufriedenheit. Die Opposition formiert sich, wird mutiger  und dann öffnen die Ungarn die Grenzen und es geht Schlag auf Schlag.

Die einen flüchten über die österreichische Grenze, die anderen marschieren auf breiten Straßen. Die Demonstrationen werden mächtiger, die Gegenmaßnahmen der Staatsmacht hitziger  tagelang

befindet sich das Land am Rande eines Massakers chinesischer Prägung.

Keiner weiß mehr, was die Regierenden vorhaben und jeder Tag kann der letzte sein.

Nun gut  wir alles wissen, wie es ausgegangen ist. Enrico Türmer jedoch stürzen die Ereignisse in eine tiefe Krise. Vorbei die behaglich-dumpfe Zeit, in der er betulich literarische Stoffe aufpicken und verwursten konnte. Vor der Wende geriet die Zeit in einen kaum mehr erträglichen Schweinsgalopp, Stoffe rasten vorbei und verschwanden unverarbeitet im Nichts. Und auch für Dissidentenruhm waren die Zeiten vorbei. Nun bedurfte es neuer Leben, um in den neuen Zeiten überleben zu können. Tief deprimiert legt Türmer die Autorenfeder aus der Hand  was bleibt ist das Keyboard eines Journalisten. Und so endet die Lebensbeichte an dem Punkt, an dem seine Briefe an den lieben Jo beginnen. Der Kreis hat sich geschlossen.

Aber halt  es gibt noch eine dritte Adressatin: seine Schwester Vera, die frühzeitig in den Westen rüber machte. Ihr berichtet er ebenfalls von der Gegenwart des Jahres 1990, allerdings deutlich emotionaler  an sie bindet ihn eine kaum verhüllte inzestuöse Beziehung.

Selten ist mir ein Buch untergekommen, welches die jüngste deutsche Geschichte so plastisch, so energetisch beschrieben hat. Die Hoffnungen und Ängste des Herbstes 1989, das Chaos um den Dresdner Hauptbahnhof und die Montagsdemos in Leipzig werden distanziert und unterkühlt geschildert und doch zieht die Lektüre den Leser mit in den ereignisreichen Wirbel jener Tage.

Und so ist auch der Stil: glasklar, schnörkellos mit kleinen gelungenen Arabesken hier und da, diese aber hübsch dosiert. Natürlich ist der Stil bunter und lebhafter, als normalerweise in Briefen so geschreibselt wird, doch der Leser dankt es dem Autor.

Ein letztes Wort zur Form.

Es ist ja ein Briefroman (kein BriefWECHSELroman, was natürlich auch interessant geworden wäre, aber den Aufwand hat der Autor wohl auch zu Recht gescheut). Wer einmal Briefeditionen bekannter Leute gelesen hat, wird schnell merken, welche Mühe sich Ingo Schulze mit dieser Form gegeben hat. Unten finden sich immer wieder Fußnoten mit Anmerkungen und Erklärungen einzelner Textpassagen. Einerseits sind dies bierernste Erläuterungen historischer Zusammenhänge, andererseits finden sich darunter aber auch sauertöpfische Besserwissereien, die im fiktiven  Herausgeber tiefsitzenden Neid auf den Autor nahe legen. Mit diesem fühlbaren Spaß an der Ironie schickt uns denn also Schulze durch ein dickleibiges Buch, das im Mäntelchen einer akkurat wissenschaftlichen Edition daherkommt.

Ein mitreißendes Lesevergnügen über eine kurze Zeit, als die DDR wieder jung und wild war  und doch schon geliefert.
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