...die Frage ist nur, ob man sie auch versteht.
Mein Deutsch Professor in der Oberstufe hat uns immer eingetrichtert, einen Text für den DAL - den dümmsten aller Leser - zu schreiben.
Ekard Lind ist Professor, doch vom verständlichen Schreiben ist er weit weg. Das Buch ist ein einziger Theoriehaufen, gespickt mit umständlichen Beschreibungen und vor allem vielen Fremdwörtern, die teilweise nicht einmal erklärt werden. Vor allem auf den ersten Seiten ist das unerträglich: In so gut wie jedem Satz steht mindestens ein Fremdwort, meistens aber mehrere. Oder aber, das deutsche Wort kommt zuerst und das Fremdwort steht in Klammer dahinter. Wozu bitte? Das Buch liest sich wie ein wissenschaftlicher Artikel, man muss bei jeder Zeile 100% mitdenken und sich vor allem dann bei den Hörzeichenbeschreibungen im Geist genau vorstellen, wie das in der Praxis aussehen könnte.
Nun aber zum Inhalt:
Ich habe die Mensch-Hund-Harmonie von Lind gelesen und war begeistert - wenn man die Fotos sieht, wie sein Hund/seine Hunde begeistert mitarbeiten, das ist einfach ein Wahnsinn und das ohne Zwang und Gewalt. Deshalb habe ich nun auch dieses Buch gekauft.
Es geht darum, von der Automation, vom starren Muster, das im Hundesport herrscht, wegzukommen und unendlich viele neue Möglichkeiten und Kombinationen zu erschaffen.
Beispiel: Bis jetzt wird beim Heranrufen verlangt, dass der Hund herbeieilt und vorsitzt. Bei Lind gibt es für das Herankommen ein eigenes, kurzes Signal, das dann beliebig mit einem anderen kombiniert wird. Will man zum Beispiel, dass der Hund von vorne kommend durch die Beine läuft und dort stehen bleibt, ist die Signalkombination <Fro-du-steh> (für: front-durch-steh). Will man, dass der Hund von hinten durch die Beine des Hundeführers geht und sich dann vorne setzt, lautet das Signal <Haind-Mot-Hock>.
Und so geht das dahin. Je nachdem was der Hund in welcher Richtung wie tun soll, unterscheiden sich diese Kombinationen. Grundprinzip ist, dass Hörzeichen, die eine nach links orientierte Aufgabe nach sich ziehen, ein im Signal haben, diejenigen, die nach rechts ausgeführt werden, ein <ä>. So bedeutet <dri> das Drehen nach links und <drä> das Drehen nach rechts, <ti> meint die linke Pfote, die rechte usw.
Man ahnt schon, dass wenn jede Richtung, jede Bewegung und jedes Tempo einzeln benannt wird, eine Fülle von Kombinationen möglich ist. Wenn man dann weiter hinten liest, dass das Hörzeichen für den "gehaltenen Spreizschritt" <ti-ja-ha-ha-ha-ha-pä-ja-ha-haha...> lautet, merkt man schon, dass dieses System vor allem für den Hundeführer sehr kompliziert ist und genau da liegen die Schwachstellen des Buches bzw. den Wunschträumen von Ekard Lind.
An sich ist dieses "Team-Kompendium", wie Lind das nennt, keine schlechte Idee. Es ist sicher toll, wenn man mit seinem Hund so arbeiten kann und immer neue Kombinationen ausprobieren kann, anstatt das Immergleiche zu machen. Immer "Fuß" auf der linken Seite, immer Herankommen mit Vorsitzen usw.
Und ich bezweifele auch nicht, dass der Hund mit der Zeit immer schneller neue Zeichen lernt und bald weiß, was der Mensch von ihm will. Ich bezweifele auch nicht, dass der Mensch mit all den im ersten Moment schwierigen Kombinationen bald umzugehen weiß und ihm die richtigen Hörzeichen bald automatisch über die Lippen kommen, wenn er sich eingehend damit befasst hat. Aber: Dieses ganze Projekt auf nicht einmal 80 Seiten beschreiben zu wollen, das kann nur scheitern.
Das Ganze ist nun so aufgebaut, dass die Übungen in 25 "Groups" eingeteilt sind - von Positionen und Positionswechseln über Gangarten bis zum Apportieren. Bei jeder Gruppe werden die Möglichkeiten aufgelistet und wie das entsprechende Hörzeichen dafür heißt und eventuell gibt es dann noch nähere Erläuterungen, wie sich Herr Lind die Ausführung im Detail vorstellt. Das ist alles gut und schön, aber WIE man dem Hund die Teilschritte beibringt, steht nicht da, WANN man die einzelnen Befehle gibt, steht auch nicht da.
Was nützt mir die Information, dass <Haind-Mot-Hock> bedeutet, dass der Hund von hinten durch die Beine des Hundeführers läuft und sich dann zu setzen hat, wenn man dann nicht weiß, wie man das im Training angeht? Was nützt es, wenn Lind schreibt, "Kreise, bei welchen der Hund mit dem Teamfüher mitgeht, werden einfach mit <Go> oder, wenn sie in relativ engem Radius ausgeführt werden, mit <dri> beziehungsweise <drä> vermittelt [...]. Umkreisen wird bei kurzer Dauer des Umkreisens (beispielsweise einmal 360 Grad) mit <kii..rt> bzw. <kää..rt> oder bei längerem Umkreisen durch Permanent-Sprechen des Hörzeichens <kiirt-i-kiirt-i...> beziehungsweise <käärt-ä-käärt-ä> vermittelt. Unter Volten verstehen wir Kreise, die der Hund alleine ausführt. [...] Solo-Volten vermitteln wir mit <voldriii> oder <voldrää> oder, wenn Schrittfolgen oder Schritttempo gesteuert werden sollen, mittels (voldri-ti-pä, ti-pä...> beziehungsweise (voldrä-pä-ti-pä-ti...>" wenn er nicht schreibt, wie man das Ganze aufbaut und angeht?
Lind listet in dem Buch seine neuen Hörzeichen auf und beschreibt, wie er sich das Ergebnis vorstellt, doch wie man zu diesem Ergebnis kommt, bleibt mehr oder weniger sein Geheimnis.
Das Konzept ist neu und um es umsetzen zu können, müsste man idealerweise ein Seminar machen oder zumindest müsste es eine DVD geben.
Die Idee dahinter finde ich persönlich wirklich gut, nur wie gesagt weiß ich nicht, was Lind sich dabei gedacht hat, auf komplizierten 80 Seiten so eine revolutionäre Methode ernsthaft etablieren zu wollen. Sein Konzept ist ja nicht mit den traditionellen Hörzeichen kompatibel.
Meiner Meinung nach taugt das Buch dazu, dass man vielleicht das eine oder andere ausprobieren kann. Aber für mehr fehlen die Hinweise für die Praxis. So kann man nach der Lektüre des Buches fast nur sagen: "Aha!" und es dann ins Regal legen und darauf warten, dass vielleicht eine DVD erscheint oder man irgendwann mehr darüber erfährt. Lind hat Jahre für die Entwicklung dieses Systems gebraucht und hat seine Wunschträume nun vorgestellt. Er kann nicht erwarten, dass der Leser aufgrund von nicht mal 80 Seiten sein revolutionäres Konzept nur dadurch anwenden kann, dass er die Beschreibung seiner Ideen gelesen hat.
Fazit: Die Idee ist nicht schlecht, aber das Buch ist eine Auflistung und Beschreibung von Linds Wunschvorstellungen, die man ohne weitere Hilfe nur schwer in die Praxis umsetzen kann und wenn, dann sicher nicht ganzheitlich. Ich kann dafür nicht mehr als zwei Sterne vergeben.