"Wissenschaftsautorin Sharon Begley ist bekannt für ihre Fähigkeit, komplexe Theorien einfach, allgemein verständlich und spannend zu erklären." So steht es im Klappentext. Ziemlich clever formuliert. Denn würde der zuständige Schreiber behaupten, Begleys Fähigkeiten zeichneten auch dieses Buch aus, hätte er mehr als geflunkert. Potentielle Leser auf solche Ungereimtheiten aufmerksam zu machen, betrachte ich als minimale Dienstleistung eines Rezensenten. Am Thema Interessierte wissen dann wenigstens, worauf sie sich einlassen.
Mit Register und Anmerkungsapparat umfasst das Buch beinahe 500 Seiten, wobei allerdings ein Schriftfont gewählt wurde, den sogar ich ohne Brille lesen kann. Das ist zwar ein nettes Entgegenkommen gegenüber älteren Jahrgängen, aber keine Hommage an schöne Gestaltung. Aber widmen wir uns dem Inhalt. Wie Titel und Untertitel bereits vermuten lassen, steht in diesem Buch die Frage im Zentrum, ob das Gehirn eines erwachsenen Menschen tatsächlich so unveränderlich sei, wie bisher behauptet wurde. Dass über diesen Wissenschaftsstreit unter Neurologen ausführlich und für Laien halbwegs verständlich berichtet wird, finde ich gut. Und es missfällt mir auch nicht, wenn Sharon Begley den Dalai Lama und Daniel Goleman mit auf die Bühne nimmt, wenn sie ihr Stück in neun Akten aufführt. Aber wie die Autorin Wissenschaftliches, Spekulatives und Persönliches oft übergangslos miteinander verbindet, halte ich für fragwürdig. Das gilt auch, wenn Sharon Begley Behauptungen widerlegt, die gar nicht aufgestellt werden. So behauptet kein renommierter Neurologe, bestehende Nervenverbindungen seien unveränderbar. Statt mit solchen Thesen zu beginnen, würde die Autorin lieber klar aufzeigen, wo die Differenzen zwischen verschiedenen Neurowissenschaftlern liegen, was das für die Forschung heißt und welche Denkmodelle daraus abgeleitet werden. Aber ein solcher Ansatz würde den fließenden Übergang zum Themenblock Buddhismus und Wissenschaft erschweren. Wie sich darüber auch anders diskutieren lässt, zeigt der Neurologe Wolf Singer, der sich in seinem Buch "Hirnforschung und Meditation" mit dem Molekularbiologen und buddhistischem Mönch Matthieu Ricard auf anspruchsvolle und unterhaltsame Weise austauscht.
Sharon Begley hätte besser getan, sich auf das Thema Neuroplastizität zu beschränken und dieses so klar darzustellen, dass der Leser eigenständig zwischen empirischen Fakten und persönlichen Meinungen unterscheiden kann. Aber indem die Autorin es dem Leser überlässt, den roten Faden selber zu knüpfen, wird sie den Anforderungen an guten Wissenschaftsjournalismus nicht gerecht. Und die vielen Wiederholungen wecken das Gefühl, die Autorin wolle eigene Verständnisschwierigkeiten durch Variationen verschiedener Begriffe kaschieren.
Mein Fazit: Schade, dass eine mit Preisen ausgezeichnete Wissenschaftsautorin dieses wichtige und interessante Thema so leichtfertig vergibt. Wer sich von dicken Büchern nicht abschrecken lässt, sich an inhaltlichen Wiederholungen und ausschweifenden Exkursen nicht stört und dem Phänomen der Neuroplastizität auf die Spur kommen will, soll sich von meiner Bewertung dieses Buches nicht allzu sehr beeinflussen lassen. Schließlich hängt das Lesevergnügen auch davon ab, welchem Schreibstil man zugetan ist.