Es ist überhaupt nicht zu leugnen: Vieles von dem, was Luise Endlich an Bemerkungen der Leute aus Oststadt (= Frankfurt/ Oder) über die DDR-Vergangenheit oder die "Wessis" aufgeschrieben hat, habe ich so auch schon von den Ostdeutschen, meinen Landsleuten, gehört. Insofern hat sie Erlebtes verarbeitet. Und doch hat das Buch eine deutliche Schieflage. Worin ist die begründet? Dem Leser fällt auf: Die Autorin trifft nur einen Auschnitt aus der Gesellschaft. Frankfurt/Oder ist zur DDR-Zeit eines der drei ostdeutschen Zentren der Mikroelektronik geworden. Die Mehrzahl der Ingenieure, die im längst abgewickelten Halbleiterwerk und den Forschungsinstitutionen gearbeitet haben, leben heute noch dort. Die recht mobile Frau Endlich ist nie auf sie und ihre Familien gestoßen. Das ist merkwürdig, aber noch merkwürdiger, daß auch private Kontakte zu Medizinern, zu Kirchenkreisen, kurz zu allem, was nach westdeutscher Auffassung "bürgerlich" in der DDR war, eigentlich nicht vorkommt. Auch das politische Spektrum, das Luise Endlich in Gestalt von Nachbarn und Bekannten kennenlernt, ist merkwürdig einseitig: Ex-Stasi und pro-PDS. Soweit mir bekannt ist, hat Frankfurt/Oder seit 1990 regelmäßig mehrheitlich die bundesdeutschen Parteien SPD und CDU gewählt. Warum erfährt der Leser über ihre Begegnungen mit diesem Personenkreis so gut wie nichts? Das Buch wird dadurch zwangsläufig einseitig. Es ist aber nicht nur einseitig. Es wirkt auch dikriminierend. Während Luise Endlich hochdeutsch spricht, antworten ihr die Oststädter fast nur im Dialekt. Offensichtlich sind sie der deutschen Hochsprache nicht mächtig. Ich bin doch oft genug als Berliner in Frankfurt/Oder gewesen, um sagen zu können: Jeder, bis hin zur Verkäuferin oder beliebigen Passanten, die ich nach dem Weg fragte, haben auf meine Frage auf hochdeutsch geantwortet. Warum also immerzu Dialekt? Es muß beim Leser den Eindruck von tiefster Provinz, von Zurückgebliebenheit erwecken. Der "Dialekttrick" bringt die Oststädter auf Niveau von Eingeborenen. Und damit bin ich bei meinem Hauptvorwurf gegenüber Luise Endlichs Buch: Die Autorin geht-ganz selbstverständlich-davon aus, daß alles, was bei den "Ossis" anders ist, Ausdruck von Zurückgebliebenheit ist. Ihr einziger Maßstab ist das, was sie aus dem Westen kennt. "Andersartigkeiten", von zu Besuch mitgebrachten Hausschuhen bis zur Ablehnung von bestimmten Gerichten, die sie mag, ihre Gäste aber nicht, sind bei der Autorin Ausdruck von Zurückgebliebenheit, deren Grad sogar in Jahren datierbar ist. ("So was gab es bei uns bestenfalls noch Anfang der fünfziger Jahre..."). Bei dieser Art des Herangehens würde Frau Endlich fast überall auf der Welt auf "Primitive" stoßen. Die Autorin ist aber viel zu intelligent, um so an die Beurteilung der Lebensumstände von, sagen wir , Portugiesen, Iren oder Finnen heranzugehen. Warum aber soll der eigene Maßstab für die Ostdeutschen gelten? Weil die, das wird am Anfang des Buches deutlich gesagt, schon sechs Jahre zur Bundesrepublik gehören und damit kein Recht mehr auf eigenen Geschmack ("keine Lasagne"), eigene Vorstellungen von Kleidung ("Polyesterpullis") und eine eigene Auffassung von Straßennamen ("Karl-Marx-Straße") haben. Man kann die Autorin nicht damit entschuldigen wollen, daß sie mit der Vorstellung, daß nach sechs Jahren der Osten eigentlich dem Westen gleichen müsse, schlichtweg den bundesdeutschen Medien und Parteien auf den Leim gegangen ist. Als politisch selbstbestimmte Bundesbürgerin, in Demokratie und Freiheit aufgewachsen, hatte sie selbst im tiefsten Westen die Möglichkeit, mitzukriegen, daß die Losung von der "deutschen Einheit als gelebte Wirklichkeit" eine PR-Lüge ist. Merkwürdiger ist allerdings, daß es der Autorin offensichtlich trotz ihrer großen Entfernung vom ostdeutschen Vereinigungsschauplatz gelungen ist, sämtliche Vorurteile der Westdeutschen über die Ostdeutschen (besonders die über deren miserable Arbeitauffassung) zu internalisieren und sie dann in ihrem Buch zu exemplifizieren. Bei der Schelte der "Hauptlandsdeutschen", daß ihre Landsleute in den angeschlossenen Gebieten weder "richtig" arbeiten können noch wollen, überhaupt nicht bereit sind, aus ihrem Trott herauszukommen, von Luise Endlich so "liebevoll" anhand von Möbelpackern, Installateuren und Verkäuferinnen aus Oststadt beschrieben, handelt es sich übrigens um einen austauschbaren Vorwurf: Er traf 1871 die Elsaß-Lothringer, als die sich ans "Deutsche Reich" gewöhnen mußten, 1959 die Saarländer, als diese (übrigens auch nach Artikel 24 des Grundgesetzes wie die DDR) an die Bundesrepublik angeschlossen wurden. So gesehen ist Luise Endlichs Buch, ganz unabhängig von dem, was die Autorin damit wollte, fast unvermeidliche Konsequenz einer Vereinigung, die als Anschluß auf dem besten Wege ist, fehlzulaufen; ein Signal dafür, daß diejenigen, die im Lande (auch in den neuen Ländern) bestimmen, vieles in der Behandlung der Ostdeutschen ändern sollten, damit die aus ihrer Verteidigungshaltung herauskommen können. Zumindest eins ließe sich auch beim Sparzwang machen: zu versuchen, die "Ossis" als gleichberechtigte Bürger mit eigener Vergangenheit anzuerkennen, als Bürger, die berechtigt und in der Lage sind, sich selbst auszusuchen, was an westdeutscher Kultur-bis hin zur "Party-Benimmse"-für sie gut ist und was nicht.
Jörg Roesler, Berlin. Von ihm erscheint im Herbst 1999 beim Peter Lang Verlag, Frankfurt/ Main das Buch "Der Anschluß von Staaten in der modernen Geschichte. Eine Untersuchung aus aktuellem Anlaß".