Nach nunmehr 25 Jahren ist der schon Mitte der 80er Jahre aufgenommene Nachfolger von Neu! 75 auf Herbert Grönemeiers Grönland-Label endlich offiziell veröffentlicht worden.
Es lässt sich sicherlich vortrefflich darüber streiten, ob Neu! 86 nun in der Kontinuität der ersten 3 Neu! Alben aus den 70ern zu sehen ist oder eher losgelöst für sich selbst steht, denn 10 Jahre nach der Veröffentlichung von Neu! 75 atmen die Aufnahmen einen deutlich anderen Zeitgeist als in den 70ern. Fakt ist, daß die beiden offensichtlich menschlich wie musikalisch doch sehr unterschiedlichen Charaktere Dinger und Rother Mitte der 80er, nachdem sie sich zu den Aufnahmen für dieses Album noch einmal zusammenrauften, anschließend über das Resultat so uneins gewesen sind, daß es ein geschlagenes Vierteljahrhundert brauchte, um offiziell das Tageslicht zu erblicken.
Die Aufnahmen wurden erstmals 1995 durch Klaus Dinger auf dem japanischen Captain Trip Label ohne Autorisierung durch Michael Rother als Neu! 4 schon einmal veröffentlicht, die Neuabmischung durch Michael Rother für die erste offizielle Veröffentlichung erfolgte bezeichnenderweise erst 2 Jahre nach dem Tod von Klaus Dinger. Der Sound ist deutlich straffer und transparenter und Neu! 86 im direkten Vergleich zu Neu! 4 letztendlich hörbarer.
Die erste Seite beginnt instrumental mit einem verhallten Fragment der deutschen Nationalhymne, gefolgt von 'Dänzing' und dem eher durchgeknallten 'Crazy', die deutlich die Handschrift Dingers tragen und stilistisch eher eine Fortsetzung von Dingers Gruppe La Düsseldorf darstellen. 'Drive' ist ein klassisches, vorantreibendes Stück Neu!-'Motorik', 'La Bomba' ist ein auf der Melodie von 'La Bamba' basierendes, scheinbar lustig daherkommender Anti-Apartheid Song, gefolgt von den Soundkollagen in 'Elanoizan'. Generell überwiegen die auch schon von La Düsseldorf bekannten Soundgimmiks und Geräuschcollagen, während die charakteristische Neu!-Motorik der ersten 3 Alben hier deutlich weniger prägnant ist.
Die ersten drei Stücke auf der zweiten Seite (Wave Mother, Paradise Walk, Euphoria) tragen klar die Handschrift des anderen 'Mitstreiters', denn hier dominiert Michael Rothers ruhiges, schon beinahe ambient-mäßiges Gitarrenspiel sowie Keyboardflächen, die deutlich Parallelen zu seinen Soloplatten aus den 80ern zeigen. Es folgt eine kurze Soundcollage (Vier '), während 'Good Life' im klassischen La Düsseldorf-Sound herkommt. Die Platte klingt instrumental aus mit Rothers ambient-mäßigem 'November' und nochmals der durchgeknallten La Bamba Thematik in 'KD' (das Kürzel steht vermutlich und passenderweise für Klaus Dinger).
Ein interessantes (Zeit)-Dokument der menschlichen wie auch musikalischen Zerissenheit zweier höchst unterschiedlicher Persönlichkeiten, die sich auf irgendeine Art und Weise dann doch wieder ergänzten! Anhören und selbst ein Urteil bilden!