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Im Netz der Gedichte. Gefangen in Prag nach 1968
 
 
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Im Netz der Gedichte. Gefangen in Prag nach 1968 [Broschiert]

Sibylle Plogstedt
4.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (1 Kundenrezension)

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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Dass Geschichte vor allem die Gesamtheit individueller (Lebens-) Geschichten sei, ist eine Binsenweisheit. Vor allem das Fernsehen setzt zur Veranschaulichung historischer Ereignisse auf Augenzeugen, deren unmittelbares Erleben das große Ganze in all seinen Fassetten widerspiegeln soll -- mit paradoxen Folgen: In nicht endenwollenden Dokumentationsreihen lauschen wir unzähligen Erlebnisberichten, bis wir die einzelnen Lebensgeschichten nicht mehr auseinander halten können, bis das Individuelle völlig hinter dem Allgemeinen zurücktritt und wir uns verwirrt doch wieder auf die abstrakte Ebene des Geschichtslehrbuchs flüchten. Müssen wir also mit Sibylle Plogstedts Im Netz der Gedichte wirklich noch ein Kapitel erlebter Geschichte aufschlagen? Ja.

Auch Plogstedts Bericht ist auf seine Weise typisch oder historisch repräsentativ: Als 23-jährige erlebt sie in Prag den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen mit. Politisches Engagement im tschechoslowakischen Widerstand und die Liebe zu einem Dissidenten führen schließlich im Dezember 1969 zu ihrer Verhaftung durch die CSSR-Behörden. Doch was die Geschichte der Plogstedt von anderen Erlebnisberichten aus kommunistischen Gefängnissen unterscheidet, ist die ungeheure Intensität und Intimität, mit der die Autorin den Leser mit in einen Strudel reißt, in dem sie selber auch nach ihrer Entlassung für dreißig Jahre wortwörtlich gefangen bleibt: Nicht die Verhöre, nicht die erniedrigenden Haftbedingungen oder die schlechte Versorgung sind es, die Sibylle ein normales Leben nach der Haft unmöglich machen. Im Zentrum des Buches steht die psychische Gebrochenheit, die der Gefängnisaufenthalt hinterlässt.

Sibylle wird eine Zellengenossin zugewiesen, die ihr zunächst lange vermisste Gefühle wie Vertrautheit, Geborgenheit und Wärme vermittelt -- bis ein abrupter Verhaltenswandel Sybille an allem zweifeln lässt, worauf sich ihr Widerstand und ihr Durchhaltevermögen bisher gründete. Fesselnd wird geschildert, welche Reflexionsspiralen das scheinbar wahnsinnige Gebärden der Zellengenossin in Sibylle auslöst -- bis schließlich das eigene Urteilsvermögen selbst infrage steht. Ist Marta schizophren? Wird sie durch die Gefängnisleitung unter Drogen gesetzt? Oder spielt Marta nur die Verrückte? Arbeitet sie für die Staatssicherheit, um Sibylles Widerstand zu brechen? Auf welche Indizien ist Verlass, wenn keine der Koordinaten mehr feststeht? Völlig verstrickt in ein unentwirrbares Netz aus scheinbaren Beweisen, Gegenbeweisen, Vermutungen, Andeutungen können schließlich weder Sibylle noch der Leser mehr entscheiden, was wirklich passiert und was einer Einbildung geschuldet ist.

Obwohl Sibylle Plogstedt ihr Hauptaugenmerk auf die Beziehung zu Marta richtet, erfahren wir viel vom größeren Kontext, in dem diese Geschichte steht: Von der teilweise naiven Haltung der jungen SDS-Aktivistin Sibylle, von den Konflikten innerhalb der westdeutschen Linken, von der Stasi, die Sibylle im Anschluss an ihre Rückkehr nach Berlin anzuwerben versucht, und schließlich auch vom aktuellen Umgang der Tschechischen Republik mit der kommunistischen Vergangenheit. Insbesondere der letztgenannte Punkt wirft ein bezeichnendes Schlaglicht darauf, wie paradox und spannungsreich das Verhältnis von individuell erlebter Geschichte und der Schulbuch-Historiografie tatsächlich ist. Sibylle Plogstedt hat sich aus therapeutischen Motiven für eine radikal individualistische Perspektive entschieden. Und bringt uns damit einen Teilaspekt der jüngsten europäischen Geschichte sehr viel näher als es viele wissenschaftliche Abhandlungen können. --Anneke Hudalla

Pressestimmen

Es ist ein nachdenkliches und stilles Buch, das in die Zeit eines gescheiterten Aufbruchs zurückführt und den seelischen Schäden nachspürt, die Verhöre und eine gezielt betriebene psychische Zersetzung hinterlassen haben. Nach Jahren der Verdrängung hat sich die Autorin nun ihre Hafterfahrung vom Leib geschrieben und eine Vergewisserung darüber versucht, welche seelischen Verwundungen ihr die ausgefeilten Methoden der psychischen Folter zugefügt haben. (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

Dies ist eine Geschichte von Mut und Verzweiflung, von Erniedrigung und Größe.(...) Sibylle Plogstedt erzählt von sich und den Menschen, die im Sinne einer pervertierten Idee verletzt wurden und mit großer Kraft versuchen, mit den Narben zu leben. Und sie widerspricht damit auch der landläufigen Ansicht, dass die Zeit alle Wunden heilt. (Süddeutsche Zeitung)

Wenn der Begriff »Ästhetik des Widerstandes« einen Sinn hat, dann bei diesem Protokoll einer Selbstbefreiung, das Sibylle Plogstedt geschrieben hat. Mit dem üblichen Memoiren-Kunstgewerbe hat das nichts zu tun. Hier ist eine Geschichte gelungen, deren Sog man sich dank ihrer psychologischen Kriminalistik nicht entziehen kann. Zugleich nehmen wir teil an einer Fahrt mit der Geisterbahn durch ein politisches Räderwerk. (Radio Bremen)

Kurzbeschreibung

Sibylle Plogstedt ist vierundzwanzig, als sie von der Staatssicherheit der Tschechoslowakei 1969 verhaftet wird. Zusammen mit ihrem Lebensgefährten Petr Uhl war die Berliner Studentin als engagiertes Mitglied des SDS in der Opposition gegen den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in Prag 1968 tätig. Eineinhalb Jahre wird ihre Haft in Ruzyn dauern. Dreißig Jahre wird sie in den Erlebnissen von damals gefangen bleiben. Erst nach der Wende 1989 kann sie die Vergangenheit nicht mehr verdrängen. Die nun über Fünfzigjährige begibt sich auf Spurensuche und will herausfinden, was damals geschehen war. Warum willigte sie, gegen ihre ursprüngliche Absicht, in die Ausweisung ein, verließ Petr und Prag? Und was hatte es mit Marta auf sich, jener Frau, mit der sie die längste Zeit eine Zelle teilte, die Gedichte schrieb und ihr so nahe kam? War sie psychisch krank oder war alles von der Staatssicherheit inszeniert? War Marta gezielt gegen sie eingesetzt worden, wußte diese davon? Die Antwo rten auf all diese Fragen liegen in Prag. Sibylle Plogstedt versteht es, Geschichte zu erzählen. Sie spannt den Bogen vom Prager Frühling über die westdeutsche Linke der späten sechziger und frühen siebziger Jahre bis in die heutige Zeit. Eindrücklich beschreibt sie die verheerenden Wirkungen, die die Methoden der Staatssicherheit noch Jahrzehnte später zeigen.

Autorenportrait

Sibylle Plogstedt ist Jahrgang 1945, Studium der Sozialwissenschaften in Berlin , 1965/69 Mitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes, 1969 politische Haft in Prag; 1974/76 Berufsverbot an der FU-Berlin, 1976 Mitbegründerin der feministischen Frauenzeitschrift Courage, 1986/89 Redakteurin des Vorwärts in Bonn; lebt als freie Journalistin in Bonn, arbeitet für verschiedene Zeitschriften und das Fernsehen.
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