1998 zieht der erfolgreiche Banker Hans van den Broek mit seiner schwangeren Frau Rachel nach New York. Nach den Anschlägen vom 11. September kann Rachel die permanente Atmosphäre der Angst in der Stadt nicht mehr ertragen und kehrt mit dem gemeinsamen Sohn Jake zurück nach London. Das einzige, was Hans in der riesigen Metropole jetzt noch Halt gibt, ist das Spiel seiner Jugend: Cricket: "I cannot be the first to wonder if what we see, when we see men in white take to a cricket field, is men imagining an environment of justice" (116). In einer ihm entfremdeten Stadt wird dieser so seltsame Sport, der für alle Nichteingeweihten ein großes Rätsel darstellt, zum wichtigsten Lebensinhalt. Sein einziger Freund wird so Chuck Ramkissoon, ein ebenso undurchsichtiger wie charismatischer Lebenskünstler, der sich in den Kopf gesetzt hat, Cricket in New York zu einem Massensport zu entwickeln. Der Roman beginnt im Jahr 2006, Hans und Rachel leben wieder gemeinsam in London, als Hans telefonisch vom gewaltsamen Tod Chuck Ramkissoons erfährt. Diese Nachricht setzt bei Hans eine Kette von Informationen in Gang, im Verlauf derer er seine Kindheit und seine Zeit in New York reflektiert.
"Netherland" ist ein großartiger Roman, der uns tief in die Gedankenwelt seiner Hauptfiguren hineinführt. Große und kleine Ereignisse setzen bei Hans verschiedene Gedankengänge in Gang, die ihn bis tief in seine Kindheit führen. Die Herausforderung liegt darin, dass sie, wie es mit menschlichen Gedanken nun einmal so ist, nicht chronologisch geordnet sind. Hans philosophisch anmutende Reflexionen über Cricket wechseln sich ab mit Gedanken über seine Ehe, seinem Sohn und das Mysterium zwischenmenschlicher Beziehungen an sich: "To witness a life - even in love - even with a camera - was to witness a monstrous crime without noticing the particulars required for justice" (126). Im Zentrum des Romans steht aber die schillernde Figur des Chuck Reamkissoon und der Cricketsport, der in dem Buch in den Rang einer Sinngebungsinstanz gehoben wird.
Gerade dieses oftmals unzusammenhängend Erscheinende mach die Klasse von "Netherland" aus, da es sich viel näher an der Realität menschlichen Denkens und menschlicher Konstruktion der eigenen Wahrnehmung befindet als es eine Chronologie suggerieren will. Zudem begeistert O'Neill mit einer ruhig-philosophischen Sprache, die das Nachdenken der Hauptfigur über sich, die Welt und seine Wurzellosigkeit in New York nachfühlbar gestaltet: "I passed the morning of the holiday in an armchair in my hotel appartment, mesmerized by a snowdrift on the wrought-iron balcony that grew and deepened and monstrously settled against the glass door, not completely melting until mid-March" (90f.). Zu den Highlights gehören, wie erwähnt, Hans Reflexionen über die Bedeutung von Cricket für sein Leben. Und obwohl ich die Regeln dieses so seltsamen Spiels immer noch nicht verstanden habe, hat es mich in seinem Bann gezogen. Und das muss ein Buch erst einmal schaffen...