Annemarie kommt in die erste Klasse, die nach alter Zählung die zehnte ist. Sie findet schnell zwei Freundinnen, eine brave (Margot) und eine freche (Hilde) - sie selbst ist ja ein Mittelding zwischen den beiden, manchmal artig und manchmal nicht. Margot und Hilde sind ungefähr das, was zu Hause Hans (Annemaries braver Bruder) und Klaus (frecher Bruder) sind.
Das Lernen fällt Annemarie leicht, abgesehen von zwei Sachen: Stricken und Ordnunghalten! Und ab und zu auch das geforderte Benehmen, denn sie ist bekanntlich ein sehr lebhaftes Kind. Bei aller Wildheit, Annemarie ist sympathisch. Sie findet Petzen unfair, sie ist nicht neidisch, als ihre Freundin Margot einmal besser ist als sie und tröstet sie, als sie einmal ein schlechtes Diktat geschrieben hat: "'Nächstes Mal geht es auch nach Sauberkeit, da kommst du sicher über mich!' stellte sie in uneigennütziger Weise in Aussicht." An dieser Stelle habe ich sehr gelacht, wie auch an vielen anderen. Humorvoll sind alle Bände der Reihe. Ich finde es interessant, etwas über den damaligen Schulalltag zu lesen, auch wenn einem heutigen Leser schon auf den ersten Seiten die Haare zu Berge stehen: In Annemaries Klasse sind sage und schreibe 50 Kinder! Einige Regeln der Schule sind zum Glück abgeschafft - z. B. die Rangordnung in der Klasse, nach der die Guten vorne und die Schlechten hinten sitzen. Vieles wirkt aus heutiger Sicht streng, aber ich finde es nicht verkehrt, daß auf gutes Benehmen Wert gelegt wird - und daß in einer Klasse mit 50 Kindern etwas Disziplin sein muß, ist ja wohl klar. Die Erwartungen von Annemaries Eltern sind allerdings sehr hoch, so bekommt Annemarie Ärger, weil sie "nur" Vierte von 50 Schülerinnen ist!
Die Klassenlehrerin mit dem ulkigen Nachnamen Hering ist auch noch aus heutiger Sicht eine nette Lehrerin - sie hat Verständnis für Kinder, duldet aber keine Gemeinheiten, z. B. ist sie dagegen, daß ein Schwerhöriger ausgelacht wird. Auch Petzen lehnt sie ab, sie läßt lieber eine Schülerin hinter ihrem Rücken Grimassen schneiden, als eine Petze zu unterstützen.
Meine Lieblingsstelle in Band 2 ist folgende, in der es um Tiere geht (KEINE Erfindung der Modernisierer, in der Erstausgabe steht dasselbe):
"'Wieviele Beine hat ein Schwein, Ilse?' wandte sich Fräulein Hering an die blondzöpfige Ilse Hermann.
'Vier Stück', antwortete diese richtig.
'Alle Tiere haben doch vier Beine'", schrie es lachend dazwischen. Es war Marlenchen mit den schwarzen Haarschnecken.
'So, Marlenchen, sieh mal, wieviel Beine haben denn die Gänse und Enten?'
'Natürlich vier', rief die Kleine im Ton felsenfester Überzeugung.
Die Klasse schien über diesen kühnen Ausspruch durchaus nicht verwundert. Die meisten der kleinen Stadtkinder waren genau derselben Ansicht wie Marlenchen."
Als Kind bin ich an der Stelle aus allen Wolken gefallen, weil ich das einfach nicht glauben konnte, heute denke ich: Das möchte man doch besorgten Pädagogen vorlesen, die meinen, daß Kinder erst heutzutage keinen Bezug zur Natur mehr haben und meinen, daß in der "guten alten Zeit" alles besser war... :)
Sehr konventionell ist der ständige Ärger wegen Annemaries Zerstreutheit und Unordentlichkeit, ebenso die "Lösung" dafür: Annemarie bekommt einen heilsamen Schock, als ihr Kanarienvogel Mätzchen stirbt, weil sie ihm kein Wasser gegeben hat. Das ist typisch für Mädchenbücher und x-mal zu finden - die Hauptfigur frönt irgendeiner unerwünschten Eigenschaft, bis dann etwas Schlimmes passiert, das aber auch wieder nicht ZU schlimm ist. Wenn durch die Nachlässigkeit der Hauptfigur ein Mensch zu Schaden kommt, wird er natürlich in letzter Minute gerettet - und in diesem Fall ist es ja "nur" ein Haustier, das stirbt. Übrigens finde ich: Am Tod des Kanarienvogels ist nicht Annemarie schuld - die Verantwortung für Haustiere liegt bei den Eltern, sie dürfen sie nicht allein einem kleinen Kind überlassen, vor allem dann nicht, wenn sie genau wissen, daß das Kind zerstreut und unachtsam ist! Das ist das einzige, was mich an dem Buch wirklich ärgert, daher ein Stern Abzug.