Annemarie "fliegt aus dem Nest" - sie geht zusammen mit Ilse und Marlene nach Tübingen, um Medizin zu studieren.
Daß ein Mädchen studiert, dafür das Elternhaus verläßt und danach berufstätig wird, ist noch nicht selbstverständlich, aber auch nicht mehr unmöglich. Annemaries Eltern fällt es schwer, ihre Tochter gehen zu lassen, aber sie tun es dann doch - und Annemaries alte Tante Albertinchen ist ganz und gar nicht damit einverstanden, weil ihrer Meinung nach eines junges Mädchen nach Hause gehört - und die Köchin Hanne hält auch nichts von weiblicher Gelehrsamkeit, wenn es nach ihr ginge, würde Annemarie bei ihr den Kochlöffel schwingen. Die neuen Ideen sind also da, haben aber noch lange nicht überall Freunde gefunden - die Schilderung finde ich interessant.
Else Urys größte Stärke, der Humor, fehlt natürlich auch in diesem Band nicht. Die neue Umgebung (Schwaben) und die neuen Bekanntschaften sind eine angenehme Abwechslung, und wie immer bei solchen Gelegenheiten gibt Else Ury - mit offenkundigem Vergnügen - den Dialekt der Einheimischen haargenau wieder. Sehr lustig ist die Szene mit der Hotelübernachtung - Annemarie, die Ilse und Marlene abhanden gekommen ist, landet in einer heruntergekommenen Spelunke und verbringt die Nacht auf dem Stuhl, weil sie Ungeziefer im Bett befürchtet. Annemaries Temperament geht auch immer wieder mit ihr durch, und meine Lieblingsstelle ist die Wanderung, auf der sie gleich zweimal mit der Polizei zu tun bekommt, ist sehr unterhaltsam - einmal schleudert sie eine Tüte Mehl auf die Straße, das nicht durch den Zoll darf (Kleinstaaterei!) und fordert den Polizisten auf, es sich doch zusammenzufegen, ein anderes Mal hat sie verbotenerweise Pflaumen gepflückt, und "wie aus der Erde gewachsen stand auf einmal der Pächter vor ihnen"!
Annemarie lernt einen jungen Arzt namens Rudolf Hartenstein kennen, und als Leser weiß man sofort: Der wird's! Daß sie ihn auf einem Bahnhof zum ersten Mal trifft, ist eindeutig eine Anleihe aus dem "Trotzkopf". Zwischen den beiden funkt es fast sofort. Natürlich benehmen sie sich sittsam, die wilden Sechziger sind ja noch in weiter Ferne, aber dennoch - die Spannung zwischen den beiden ist überzeugend geschildert, es knistert tatsächlich spürbar. Die Autorin hat da auch einige Tricks auf Lager, sie schickt Rudolf und Annemarie gemeinsam in schwindelerregende Höhen (Turmbesteigung), in die Tiefe (dunkle glitschige Höhle - Tiefenpsychologen würden ihre Freude haben an dieser Symbolik) und dann noch in ein oder zwei Unwetter.
Eine Sache geht noch ganz und gar nicht: Daß eine Frau heiratet UND einen Beruf hat - die Möglichkeit wird im ganzen Buch kein einziges Mal in Betracht gezogen, Annemarie und Umgebung scheint nicht einmal der Gedanke zu kommen - Heirat und Beruf schließen einander aus. Annemarie will Rudolf zunächst nicht heiraten, weil sie ihrem Vater versprochen hat, seine Assistentin zu werden - das Hin und Her nervt, vor allem, weil man weiß, wie es ausgeht.
Daß Annemarie ihr Studium so schnell wieder an den Nagel hängt, ist schade. Da gefallen mir ihre Freundinnen besser: Ilse und Marlene studieren beide zu Ende und werden Lehrerinnen; auch Margot und Vera ergreifen Berufe, in denen sie erfolgreich sind. Sie kommen auch alle noch unter die Haube, aber immerhin arbeiten sie ein paar Jahre - hätte Annemarie das nicht auch machen können? Mußte sie unbedingt "die erste Braut aus ihrem Kreise" sein? Man wünscht sich beim Lesen dieses Buches, die Heldin hätte mehr Durchhaltevermögen und würde eine angefangene Sache zu Ende bringen - aber so weit war die Autorin leider noch nicht.
Nur knapp 4 Sterne.
P.S.: Ich bedauere alle, die nicht die 1920er-Ausgabe lesen können, habe sie in einem Antiquariat gekauft und finde sie um Längen besser als die gekürzten Neuauflagen! Vor allem die Geschichte mit dem Pflaumenbesitzer ist im Original wesentlich lustiger!