Wer von Kaiser Nero (54-68) vielleicht nur weiß, dass er seine Mutter Agrippina ermorden ließ, dass er als Schauspieler auftrat, und dass er nach dem großen Brand Roms die Christen verfolgte, der kann dem vorliegenden Bändchen zusätzlich entnehmen, dass Nero sich der Getreideversorgung der römischen Bevölkerung persönlich annahm, dass er den Frieden des Reiches an den kritischen Punkten sicherte, und dass er schließlich auch noch die handelspolitisch wichtige Durchstechung des Isthmus von Korinth in Angriff nahm.
Der Band umfasst zehn Kapitel auf 125 Seiten. Der Text ist trotz hohen Informationsgehalts gut lesbar.
Allerdings gebricht es dem Autor an ausreichender Kraft der Gestaltung, um einen spannenden Text zuwege zu bringen. Zudem fehlt es fast völlig an Eleganz der Darstellung. Bei der Lektüre hatte ich den Eindruck, eine biedere und sehr fleißige, stilistisch aber anspruchslose Seminararbeit vor mir zu haben. Nur an wenigen Stellen finden sich aparte Formulierungen, die mich zum Schmunzeln brachten.
Hingegen stieß ich auf Darlegungen kryptischen Charakters, insbesondere im Zusammenhang mit erotischen Begebenheiten. Diese Ausführungen ließen mich ziemlich ratlos zurück. Was soll bitte der nicht weiter aufgeklärte Leser von der "skurrilen Heiratszeremonie der Messalina mit C.Silius" halten oder weiter hinten im Buch von den "eigenartigen Hochzeitsfeierlichkeiten des Princeps mit dem schönen Pythagoras"? Klartext, der dem Leser des 21. Jahrhunderts auf diesem Gebiet doch zuzumuten ist, wäre hilfreich gewesen und zudem historisch interessant.
Schließlich hat der Autor die Druckfahnen nicht mit höchstmöglicher Sorgfalt durchgesehen. Das zeigt sich u.a. daran, dass er nicht weniger als achtmal die Namen Tigranes und Tiridates verwechselt; der Kenner der Materie weiß, dass der eine gewissermaßen der Antipode des anderen ist.
Kurzum, es handelt sich um ein fleißig erarbeitetes, kreuzbraves, auch informatives, aber doch mit Mängeln behaftetes Opusculum. Daher würde ich das Büchlein gewiss nicht als Lektüre über Nero wählen, sondern nur einen Text, der Satz für Satz schlüssig durchdacht und brillant formuliert ist, sodass er den Leser zugleich erhellt und erfreut - und ihn zu weiterer Beschäftigung mit dem Thema animiert. Ein jüngeres Beispiel für diese Adelsklasse von Publikationen ist meiner Ansicht nach die Nero-Biographie von Gerhard H. Waldherr.