War Nero eine Geißel der Menschheit, der Brandstifter Roms und der erste Christenverfolger? Der Autor geht diesen Fragen und denen nach Neros Künstlertum und nach seiner Innen- und Außenpolitik mittels kritischer Beleuchtung der Schilderungen der antiken Schriftsteller und unter Wertung von Abbildungen und Inschriften auf Münzen nach.
Man erwartet eine trockne Lektüre.
Aber der Autor schreibt ein farbiges, stilistisch glänzendes, kristallklar geordnetes und so spannendes Buch, dass der Leser meinen könnte, er läse einen meisterhaften historischen Roman.
Das Buch liefert eine fesselnde Beschreibung und eine ebenso behutsame wie überzeugende Deutung des Lebens Neros und seiner vor keinem Verbrechen zurück schreckenden Mutter Agrippina sowie der ferneren iulisch-claudischen Verwandtschaft. Dabei erlebt der Leser gewissermaßen "live" das Leben in Rom im 1. Jahrhundert n. Chr. mit seinen vielfältigen Facetten mit. Es ist, als sei er bei den damals so beliebten Wagenrennen persönlich anwesend und lerne zugleich auch noch deren Regeln. Auch nimmt der Leser teil an kaiserlichen Beratungen und Kabinettssitzungen.
Sogar die für den mit dem iulisch-claudischen Hause nicht so vertrauten Leser etwas mühsamen Abschnitte, die sich mit den Verwandtschaftsbeziehungen Neros befassen, gestaltet der Autor zu einem spannungsreichen, wenn auch düsteren Gemälde. Der Leser lebt sich hinein in die römische Hocharistokratie mit ihrem Machtstreben, ihrem Misstrauen, ihren Verdächtigungen und Verschwörungen, ihren Giftanschlägen und Morden sowie ihren Anklagen, die zu Verbannung oder Hinrichtung führen. Das lässt sich besser kaum machen.
Der Autor benutzt stellenweise eine moderne Sprache. Da ist von Fans und Stars die Rede, aber auch von Schauprozessen, von einer Imagekampagne, und die politische Funktion der Münzen wird als "reichsweites Propagandamedium" bezeichnet. Der Einsatz dieses heutigen Sprachgebrauchs ist sparsam und andererseits jeweils so treffend, dass ich als Leser diese Besonderheit zunächst kaum wahrnahm. Der Autor vermeidet überaus feinfühlig, dass ein der fernen Epoche unangemessener Zungenschlag aufkommt.
Aus den literarischen Quellen (Sueton, Tacitus, Cassius Dio) wählt der Autor lebendige und zugleich informative Stellen aus, die ebenso wie die 27 qualitativ vorbildlichen Schwarzweiß-Abbildungen ideal in seinen eigenen Text passen; dieser gewinnt dadurch sehr an Authentizität.
Der Autor deutet und ergänzt die Quellen durch ebenso umsichtige wie behutsame Überlegungen aus historischer, psychologischer und sozialpsychologischer Sicht. Dabei lässt er nie Zweifel daran, wo die Quelle endet, und wo die eigene Überlegung beginnt.
Ein packendes, ein glänzendes, ja ein fabelhaftes Buch. Jede Seite ein Genuss. Ein Meisterwerk.