Eigentlich bin ich nicht ganz die richtige Zielgruppe für dieses Buch.
Ich hatte nämlich gar keinen Commodore 64. Den hatten nur die coolen Kinder. Ich hatte nur einen Commodore 16. Den gab es, glaube ich, irgendwann mal bei Aldi - der Urahn aller Aldi-Computer. Den hatte mein Vater gekauft. Und irgendwann bekam ich ihn dann. Für den C16 gab es nicht so viel Software wie für den C64. Meist musste man sich "Computerzeitschriften' kaufen, da waren dann Programme drin. Abgedruckt. Auf Papier! Listings! Basic-Programme! Oder sogar Maschinencode. Könnt ihr euch vorstellen, wie es war, 20 Seiten mit je vier Spalten Hex-Code abzutippen? Zeile für Zeile? Und wehe, man hatte auch nur EINEN Zahlendreher ...
Aber ich schweife ab.
Christian Stöcker, Jahrgang 1973, ist Journalist und Chef der ... wie sage ich es am nettesten ... qualitativ hochwertigsten Abteilung von Spiegel Online, der Sparte "Netzwelt'. Seit Jahren begleitet er die Entwicklung der IT-Szene sowohl aus technischer als auch aus gesellschaftlich-politischer Sicht.
Als besondere Qualifikation bringt er die Tatsache mit, dass er selbst diese Entwicklung mitgemacht hat. Vom pickligen Nerd, der im Elektroladen um die Ecke stundenlang auf die Tastatur des "Brotkastens' eingehackt hat, bis er endlich seinen eigenen C64 bekommen hat, bis zum Netzjournalisten, dessen privates und professionelles Leben ohne Rechner, Gadgets und natürlich das Internet nicht denkbar ist.
Dabei macht Stöcker wirklich den großen Rundumschlag: erzählt Anekdoten aus seinem Leben und aus dem Leben derjenigen, die die Entwicklung in Gang gebracht haben: Hacker, Programmierer, Aktivisten.
Er zieht Linien von ... bis ... die zeigen, wie sich was in der Gesellschaft durch die Technologie geändert hat - oder auch nicht. Zeigt Politik und Reaktionen der Gesellschaft. Es kommen vor: Phreaker, Hacker, amerikanische Aktivisten, Unternehmer, deutsche KGB-Spione, tragische Figuren, große Visionäre, Diktatoren, Verbrecher, Verbrechensbekämpfer, lahme Politiker, arabische Revolutionen, Wikileaks ...
Ein bisschen viel auf einmal. Manches wirkt unstrukturiert, durcheinander. Mehr als einmal habe ich mich gefragt: warum reißt er jetzt diesen interessanten Ansatz in einem halben Absatz ab ... um festzustellen, dass genau dies zehn Seiten später noch passieren wird. Ungewöhnlich, auf jeden Fall. Allerdings hat Stöckers unkonventionelle Erzählweise den Vorteil, dass es unterhaltsam bleibt - und irgendwie auch für den spannend, der all die Geschichten schon kennt.
Und ... ja, ich war mir auch ein wenig selbst im Weg. "Kenn ich schon ... ah, jetzt kommt Karl Koch ... jetzt müsste eigentlich was über Apple kommen'. Das ist das, was ich eingangs mit "vielleicht falsche Zielgruppe' meinte.
Aber es war durchaus spannend, all die Sachen, die ich bislang nur aus Informationshäppchen kenne, mal stringent erzählt zu bekommen, und den Job des Erzählers macht Stöcker wirklich gut.
Außerdem bringt der Autor tatsächlich einen Aspekt, den ich so noch nicht gesehen habe: nämlich die Hacker-Entwicklung aus Deutscher Sicht und in speziellem Hinblick auf die deutsche Gesellschaft. Natürlich wird die "Weltgeschichte des Hackens' weitgehend in den USA erzählt. Aber Stöcker bringt einen sehr, sehr deutschen Aspekt - nämlich die totale Technikfeindlichkeit und das ultimative Misstrauen Computern und ihren Nutzern gegenüber - in Zusammenhang mit einigen Hacker-PR-Katastrophen der 80er Jahre - Stichwort "Karl Koch' -, der krassen Technikfeindlichkeit der Grünen Partei, die in den 80er Jahren den linken Diskurs neu belebten und den entsprechend ablehnenden bis gleichgültigen Haltungen der Sozialdemokraten und Konservativen.
Dies war für mich ein Erkenntnisgewinn, so hatte ich das noch nicht gesehen. Stöcker liefert hier eine sehr gute Erklärung, wie eine komplette Generation von ignoranten Politikern quer durch alle Parteien entstehen könnte, die in Computern nur Teufelszeug, Arbeitsvernichter und/oder Kontrollinstrumente sehen.
Und im Gegensatz dazu gelingt es Stöcker, glaubhaft darzustellen, dass es eben Menschen gibt, für die Computer Werkzeuge sind, mit denen man Spaß und Freude haben kann. Mit denen man Schönes, Schreckliches und Wunderbares erschaffen kann. Ich finde, das sollten mehr Menschen wissen ...
Jetzt müsste man sich doch noch fragen, für wen das Buch interessant sein könnte?
Für Menschen, die von all dem gar nichts wissen, aber endlich mal wissen wollen, was es mit diesen "Computer-Chaoten' eigentlich auf sich hat.
Für Menschen, die wissen wollen, wie es dazu kam, dass Deutschland so verdammt misstrauisch allem gegenüber ist, was einen Mikrochip hat.
Für Menschen, die die Netzwelt nur so kennen, wie sie jetzt ist, und wissen wollen, wo das alles herkommt.
Für Menschen, die im Netz ihre Heimat gefunden haben und deren Lebensstil mit "digital' wohl am besten beschrieben wäre.
Wenn ich mir das so überlege ... eigentlich bin ich doch die richtige Zielgruppe für dieses Buch.
Dortmund, 111024_2242
B.
http://www.bombasstard.de
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