Und weiter ziehen sich die Kreise Sybreeds. Moment, was hat dieser einleitende Satz in einer Rezension zum Debutalbum der Band Neosis zu suchen?
Nun die stilistisch auffällig ähnlich angelegte Band kommt nicht ganz zufällig ebenso aus der Schweiz, wie die weithin ebenso respektierten wie oft missachteten 'Death Waver' von Sybreed.
Nach deren Debut "Slave Design" spaltete sich Schlagzeuger Anxionna ab, um seiner eigenen komprimierteren aber auch etwas technischeren Version des Sybreed-Sounduniversums mit seiner eigenen Band Etna nachzugehen. Er wechselte über die Jahre fast alle Mitglieder außer sich selbst aus und benannte das Projekt in "Breach The Void" um.
Die Urbesetzung von Etna allerdings machte die Not zur Tugend und gründete, na? Richtig: Neosis.
Man muss sich folglich nicht wundern, wenn der Gitarrenklang ein wenig nach "Slave Design" klingt und ein paar Riffs und Samples doch stark nach Breach The Voids Debut "The Monochromatic Era".
Gerade vor diesem Hintergrund ist es jedoch auch durchaus bemerkenswert, dass es Neosis durchaus schaffen, dem Rezept noch einige eigene Nuancen abzugewinnen.
Zuerst springt der Klang der Saitenfraktion ins Ohr, der wohl am ehesten einen Spagat zwischen Meshuggah und Blechhobel darstellt. Zusammen mit dem meist nervös kurzatmigen Stakkto-lastigen Riffing klingen selbst die Gitarren meist mehr nach Bass als nach Gitarre.
Das gibt dem Material einen leichten Funk-Einschlag, wie man ihm im Reich des Meshuggah-beeinflussten Riffings eher selten hört.
Mal straight, mal vertrackt hobeln sich die Saiten meist im Uptempo durch ihre verqueren Rhytmuskonstruktionen. Im Kontrast zu ihren 'Schwesterbands' greifen sie dabei jedoch auch öfters mal auf kurze gniedelige bis donnernde Death Metal-eske Läufe zurück, bieten (sehr selten) Gitarrensoli auf und, obacht, gar kurze Basssoli (leider nur in "Supremacy Design").
Das Schlagzeug schmettert sich dazu nüchtern maschinell durch treibende Grooves, packt aber, ebenso untypischer Maßen, auch mal zu derberen Blastbeats anstatt immer nur die Saitenfraktion zu akzentuieren.
Die Synths führen, wie von genannten Bands bekannt, dabei das Gros an Melodie. Allerdings in diesem Falle deutlich weniger opulent und dominant als, es bei Sybreed und Breach The Void oder auch anderen Bands der Stilrichtung üblich ist.
Die blechern sägenden Grooves der Gitarren stehen meist im Vordergrund.
Prominenz erfahren die Synths zumeist noch am ehesten in den Refrains. Diese bilden den Fokuspunkt sämtlicher Songs und warten als solcher auch stets mit einer klaren Gesangslinie auf.
Doch wo die heiseren rhythmisch ausgerichteten hohen Shouts des Sängers noch nicht allzu ungewöhnlich wirken, da ist seine gläserberstende Falsett-artige klare Stimmlage doch etwas gewöhnungsbedürftig. Gewöhnungsbedürftig aber wie durch ein Wunder nicht nervig.
Das mag auch daran liegen, dass er seine hohe Stimmlage erfreulich dynamisch einzusetzen weiß und dementsprechend einiges an Ohrwürmern aufbieten kann, die durch die ungewöhnliche Tonhöhe eine recht eigene Stimmung aufweisen können, die, wie der Rest des bandeignen Soundgerüsts irgendwie steril metallisch und synthetisch wirkt.
Sehr selten gibt es eine kurze Geschmacksprobe seiner (bei Etna noch dominanten) tieferen Register zu hören, die bei allen Ohrwürmern doch die Frage aufwerfen, warum die manchmal angestrengt wirkende hohe Stimmlage hier die Führung übernehmen musste.
Positiv ist allerdings jederzeit der recht flexible Umgang mit der Extrem-/Klargesangs -Balance. Entsprechend bricht die Band auch ansonsten zwar nie aus der Liedstruktur aus, variiert aber öfters die Passagen-Abfolge und -Elemente mit Wendungen und Brüchen.
Auch explizite Anlehnungen an Vorbilder wie Sybreed, Breach The Void ("Neo Euhemerism"), Fear Factory ("The New Paradigm") oder Meshuggah ("Fragmentary Alteration") lockern das Liedwerk immer wieder auf.
Neosis erfinden das Rad ganz sicher nicht neu und auch ihre Entstehungsgeschichte hat sich hörbar in ihrer Rezeptur eingenistet. Doch zugleich konstruieren sie mit ein wenig Funk, einem zurückhaltenden Spritzer Death Metal und ihrem eigentümlich steril-blechernen Grundklang durchaus einen kleinen Raum für sich selbst; und schaffen es damit zugleich tief im jungen Erbe Sybreeds, im älteren Erbe Meshuggahs und Fear Factorys verwurzelt zu sein und dennoch ein frisches Debut aufzubieten.