Die Einführung von Gerhard Wilke hat Stärken und Schwächen.
Vorzüge: Der Autor nähert sich dem Thema zunächst, indem er nicht nur die Kritiker zitiert. Dieses sollte meines Erachtens eine Mindestanforderung an ein Buch sein, die derzeit viele der Neoliberalismuskritiker einfach nicht erfüllen.
Der nächste Vorzug ist, dass er, obwohl dem Marktsystem ausdrücklich freundlich gesinnt, wie er mehrfach betont, auch eigene Kritik am Neoliberalismus vorbringt. Das macht ihn etwas glaubwürdiger als manch neoliberale Propaganda, wie sie innerhalb der "Sabine-Christiansen-Ökonomie" üblich geworden ist.
Nachteile: Das Buch weist keine gute Gliederung auf, Willke geht sehr unsystematisch an das Thema heran. Eine Einteilung in "Rahmenbedingungen, Neoklassik, Monetarismus, Angebotsökonomie", wie sie etwa Jürgen Kromphardt in seinem Standarkwerk "Konzeptionen und Analysen des Kapitalismus" macht, fehlt. Die Begriffe tauchen immer wieder mal auf, einzig Neoklassik wird näher erläuert, eine klare Abgrenzung sei "nicht möglich". Das ist schlechterdings nicht wahr. Trotz unscharfer Begriffsverwendung in der Öffentlichkeit und offensichtlichen Überschneidungen der Grundbegriffe des Neoliberalismus müssen diese zuerst dargelegt werden.
Zweiter Nachteil: Auswahl der Hauptvertreter
Willke beschränkt sich hier auf Milton Friedman und Friedrich August von Hayek. Diese sind in der Tat von herausragender Bedeutung. In einer 200-seitigen Einführung erwarte ich aber mehr als die bloße Nennung anderer Hauptvertreter, so erwarte ich etwa eine Einordnung des "ersten Neoliberalen" Ludwig von Mises, Buchanan (den er zwar ständig zitiert, aber nicht einordnet), Nozick, u.a.
Eine klare Unterscheidung der Ordoliberalen (Väter der "Sozialen Marktwirtschaft"), fehlt ebenfalls; sie werden lediglich schwammig umschrieben. Das es in der Politikwissenschaft allerdings einen Streit darüber gibt, ob der Ordoliberalismus überhaupt dem Neoliberalismus zuzuordnen ist, weil dieser dem Staat eine wichtige Rolle zumisst, darf in einer Einführung diesen Umfangs m.E. nicht verschwiegen werden.
Dritter Nachteil: Umgang mit Kritik
Von Seite 147-196 widmet er sich der zahlreich vorhandenen Kritik am Neoliberalismus. Hier macht er sich die Sache etwas zu einfach. Er sucht sich lediglich die pauschalisiertesten Vorwürfe der "leichtesten" Gegner aus, ordnet sie teilweise falsch ein (Noam Chomsky ist gewiss kein Kommunitarier), und lässt die wichtigsten - wie Michel Foucault - einfach ganz aus. Damit hilft er weder seinen neoliberalismuskritischen, noch den -sympathisierenden Lesern; beide Fraktionen wollen zunächst einmal einen möglichst umfassenden Überblick. Unter der Überschrift "Das Elend der Neoliberalismuskritik" präsentiert der Autor sein 15seitiges Fazit, hier bezieht er ziemlich ungeschminkt Stellung FÜR den Neoliberalismus. Ich finde eine aufrechte Stellungnahme immer besser als die eigene Position zu verheimlichen und "Objektivität" vorzugaukeln. Dummerweise macht der Klappentext dieses Buches aber genau das: "Gerhard Willke bietet erstmals eine objektive Darstellung der neoliberalen Ansätze...".
Mein Fazit: Ich gebe dem Buch trotzdem zwei Sterne, weil es eines der wenigen ist, dass sich dem Thema von befürwortender Seite nähert. (Wenn man von den üblichen Einführungen in die VWL einmal absieht). Es ist immer wichtig, die Möglichkeit zu haben, neben all der neoliberalismuskritischen Literatur eine Gegenmeinung zu lesen. Für diese sollten aber gewisse Mindestansprüche wie klare Formulierung und ein Mindestmaß an Ausgewogenheit gelten, die Willke allzu oft nicht erfüllen kann. Für mich war das Neoliberalismuskapitel in Jürgen Kromphardts "Konzeptionen und Analysen des Kapitalismus" (2004) informativer. Und dort liess sich zusätzlich bei Bedarf zurückblättern, wenn Klassiker wie Adam Smith oder David Ricardo genannt wurden.
Anbei noch der Inhalt:
Siglen 9
Einleitung 11
1 Das neoliberale Projekt: Vorrang für den Markt 28
1.1 Hintergründe des neoliberalen Projekts 28
1.2 Der Markt als Koordinationsmechanismus 34
1.3 Wettbewerb als Anreiz- und Sanktionssystem 57
1.4 Die Tendenz zum Gleichgewicht 60
1.5 Gemeinwohl als »Nebenwirkung« des Marktes 67
1.6 Der Staat im liberalen Paradigma 84
1.7 Der Mensch im liberalen Paradigma 90
1.8 Der Kern des neoliberalen Projekts 106
2 Die Wegbereiter des neoliberalen Projekts 107
2.1 Friedrich August von Hayek 109
2.2 Milton Friedman 128
3 Brennpunkte der Neoliberalismuskritik 147
3.1 Wider den neoliberalen »Ökonomismus« 147
3.2 Wider das Wüten der Marktkonkurrenz 156
3.3 Wider Egoismus und Profitstreben 163
3.4 Wider die »Furie der Deregulierung« 170
3.5 Wider eine neoliberale Globalisierung 177
3.6 Zusammenfassung: Das Elend der Neoliberalismuskritik 184
Literatur 196
Glossar 205