Die thematisch recht unterschiedlichen Geschichten haben mich (jede für sich) sehr angesprochen, berührt, mitfiebern lassen oder nachdenklich gestimmt:
Schwarze Hölle - rotes Glück von Bettina Daiber
Einfühlsam erzählt die Autorin die Geschichte von den Zwillingsschwestern Lian und Yamei, die in einer chinesischen Fabrik schwere Kinderarbeit verrichten müssen. Dabei werden sie von den Aufsehern gezüchtigt, bestraft und zur Eile getrieben. Doch Lian hat eine Idee, wie beide ihrem Schicksal entrinnen können, die sie auch erfolgreich in die Tat umsetzt... Fast im Sprachstil eines Märchens gelang es B.Daiber, mein Mitgefühl zu wecken. Besondere Anerkennung verdient das sozial-kritische Anliegen der Autorin.
Post von Madelaine von Susanna Ernst
Als Madelaine (Maddie) zehn Jahre alt wird, denkt sie über ihre Herkunft nach. Ihre Eltern hat sie nie kennengelernt, lebt in einem Gehöft, das als Kinderheim dient. Dennoch hat sie nie die Hoffnung aufgegeben, ihre leiblichen Eltern wiederzufinden. Schließlich kommt ihr die geniale Idee, eine Flaschenpost auf die Reise zu schicken, die über Umwege landet... Eine gute Idee wird von Susanna Ernst in ansprechender sprachlicher Form umgesetzt. Maddies besondere Fähigkeit, beim Betrachten von Gegenständen intuitiv Farbvorstellungen zu haben, belebt die Geschichte phantasievoll und ist sinnvoll funktionalisiert. (Sehr passender Titel!)
F.E.O. - Future Eyes Only von Kirk Spader
Von existenzieller Bedeutung für einen Großteil der Menschheit ist jener 400 Jahre alte Brief, den Präsident James Fenwick Barton höchst erregt in den Händen hält. Er stammt aus dem Geheimarchiv "Fortune Cookie" und wurde einst von dem berühmten Gelehrten Johannes Kepler verfasst. In der rasant und spannend erzählten Science-Fiction-Story steckt hinter drei folgenschweren Daten eine Verstrickung und Verquickung mysteriöser Umstände, die den Leser fesselt und zugleich über mögliche Konsequenzen menschlichen Versagens nachdenken lässt. Mehr kann und darf hier nicht verraten werden. Kirk Spaders auch stilistisch brillante Shortstory ist ein Glanzstück im Gesamtbild von fünf guten Geschichten.
Dreh dich um! Von Kirsten Wendt
Zunächst erzählt uns die Autorin auf amüsante Weise, wie im Allgemeinen Eltern so über Lehrer und Lehrer über Eltern und deren Sprösslinge denken und urteilen. Die (kinderlose) Ich-Erzählerin jobbt gewissermaßen als Vertreterin von Eltern bzw. übernimmt nicht ganz uneigennützig die Mutterrolle. Besonders vertrauliche bis intime Kontakte pflegt sie mit männlichen Pädagogen. Schließlich kommt es zu einer pikanten Begegnung mit dem Pauker-Casanova Julian Wolf, die auf recht überraschende Weise endet. Angenehm wirkte auf mich der lockere, mit Ironie gewürzte Erzählstil, wobei es Kirsten Wendt gelingt, sich auch bei der Schilderung erotischer Szenen einer Literatursprache zu bedienen.
Nachricht zwischen den Zeilen von Patrizia Zannini Holoch
Eine Mutter, die schon gealtert ist, bekommt vom Postboten einen Brief zugestellt. Den ganzen Tag über wagt sie nicht, ihn zu öffnen, wobei ihre Beklemmung sehr einfühlsam und sprachlich meisterlich geschildert wird. Schreiber des Briefes ist ihr Sohn, der sich im als Soldat im Kriegseinsatz befindet. Zaudernd liest sie am Abend seinen Frontbericht. - Aus schwarzen Buchstaben (mach dir keine Sorgen, Mutter!) werden im Laufe brieflicher Schilderung rote Lettern, die ungeschminkt die Schrecken und Grausamkeiten des Krieges gleichsam symbolisieren. Mich beeindruckte besonders der Kontrast zwischen der expressiven Sprache des Sohnes im Brief und der leisen, aber sehr intensiven Sprache, mit der die tiefen Empfindungen der Mutter wiedergegeben werden. Das Ende verschweige ich im Interesse der Neugier des Lesers. Literarisch anspruchsvoll ist es Patrizia Zannini Holoch gelungen, Einblicke in die Psyche einer Mutter zu gewähren, deren Sohn sich im Kriegseinsatz befindet und dessen Schicksal ungewiss ist.
Euch weiterhin viel Erfolg (auch) von ArnoldAndreas !!!