Auch wenn Navel es vielleicht gern so hätten: Die Welt geht nicht unter. Noch nicht. Denn es wäre verdammt schade um diese Platte. Die Meinungen über die drei Schweizer sind seit jeher gespalten. Das könnte sich mit diesem Langspieler ändern. Einst noch von vielen Lagern als billiger Nirvana-Abklatsch gehandelt, haben sich Navel deutlich weiterentwickelt. Sie springen mit "Neo Noir" über ihren Schatten und schmiegen sich in ein neues Soundgewand. Düster eingefärbt mit einem dunkelbunten Ton aus Noise, Blues und Grunge steht es den Herren ganz hervorragend zu Gesicht. Navel haben den von Louisville hinterlassenen Scherbenhaufen aufgekehrt und sind zurück auf die Beine gekommen. Jetzt latschen sie wieder äußerst schwungvoll auf den Big Muff, prügeln großzügig dimensionierte Gitarrenwände vor sich her, lassen sich aber auch hin und wieder gern vom Blues den Wind aus den Segeln nehmen. "It's The Road That Makes The Song" - der wohl poetischste Titel von "Neo Noir" ist auch einer ihrer Höhepunkte und beschreibt ziemlich gut die Richtung der Platte: Diese Straße ist lang, der Weg das Ziel und es geht immer geradeaus. Besonders der Rhythmussektor gibt sich im Kampf gegen teils ziellose Feedbackorgien größte Mühe, das zu untermauern. So entstehen hier und da sogar Assoziationen mit dem Black Rebel Motorcycle Club: "Speedbox" etwa schiebt sich wie ein rostiger 40 Tonner mit konstant prügelndem Beat über einen von Kreissägen-Klampfen und stark verzerrten Bassfrequenzen gesäumten Wüstenhighway. Eine sehr gelungene Neuerung ist der mehrfach ausgeführte und gekonnte Griff zur Blues-Mundharmonika. Sei es im überaus gelungenen, ebenfalls extrem geradlinigen Neil Young-Cover von "Rockin' In The Freeworld" oder aber in den leicht angestaubten Songs "Blues On My Side" oder "Invisible". Young selbst und auch Bob Dylan hätten diese nicht besser spielen können. "Neo Noir" glänzt auf der ganzen Linie mit einer hervorragenden Wirkungskraft. Das liegt neben dem Songwriting auch zu großen Stücken an einer vorzüglichen Produktion, die immer an den richtigen Stellen garstige Ecken und Kanten offenbart und damit die Mundwinkel des Hörers unweigerlich nach oben zieht. Das passiert vor allem während der vielen breiten Akkordparts wie etwa zum Ende von "Acid Queen". Dort blitzt neben Wut, Zorn und Enttäuschung auch ein wenig Zuversicht aus den um Gnade flehenden Gitarrenboxen. Sie haben gut aufgepasst, als sie sich während ihrer Jugend durch ein sehr vielfältig bestücktes Plattenregal wühlten. Sogar so gut, dass sie für den großartigen Sound von "Neo Noir" noch nicht einmal einen Produzenten brauchten. Navel kredenzen mit ihrem zweiten, großen Wurf ein Energiebündel, das sich würdevoll vor den Größen der Rockmusik verneigt und Zeugnis einer keinesfalls schmerzfreien, dafür aber umso mehr gelungenen Weiterentwicklung ist. Bleibt zu hoffen, dass das in den goldenen Zeiten von Electro, Sythie-Pop und Indiedisko überhaupt jemand zu würdigen weiß.
Kurzbeschreibung
Blues-Doom-Rockmonster: Die Schweizer Post-Grunger präsentieren ihr zweites Album.
Ob Rock, Noise, Blues, Punk oder Grunge - Navel haben ihre Lektionen gelernt. 250 Konzerte zwischen der Schweiz und den USA, vom kleinen Club ins Vorprogramm der Großen des Rock (z.B. Queens Of The Stone Age). Wie haben sie das geschafft? Mit verzerrten Gitarrenwänden, wie sie die Reid-Brüder in ihren besten Zeiten spielten, heulenden Mundharmonika-Tupfern und Feedback-Orgien. Das zweite Album "Neo Noir" zumindest ist ein Urvieh von einem Blues-Doom-Rockmonster. Dunkel, morbide, bedrückend und zerstörerisch. Eine Produktion, die keinen High-End-Anspruch verfolgt, sondern authentisch einen eigenen Weg geht. Zeitgemäß und doch voller musikalischer Zitate und ehrfürchtiger Verneigungen an glorreiche Epochen der Rockmusik. Navel transportieren Blues - oder das, was sie dafür halten - ins Hier und Jetzt. Dazu passen die beiden Coverversionen: Neil Youngs "Rockin In The Free World" und Townes Van Zandts "Hunger Child Blues".