Die Monographien aus dem Rowohlt Verlag sind auch deshalb ins kollektive Gedächtnis eingedrungen, weil sie es Heerscharen von Schülern ermöglichten, schon vor der Erfindung des Internets interessante Vorträge über Heldinnen und Helden zu halten. Daher griff auch ich automatisch zu dieser rororo-Biographie, als ich mich letzthin genauer über das Leben und Wirken von Nelson Mandela informieren musste. Verfasst wurde es vom Historiker Albrecht Hagemann, der nebst Reiseführern für Südafrika und einer Gandhi-Biographie auch eine Dissertation mit dem Titel "Südafrika und das Dritte Reich" schrieb. Ich konnte also bei der Lektüre davon ausgehen, dass der Autor das Land sehr gut kennt, in dem Nelson Mandela geboren wurde, aufwuchs und ein Viertel Jahrhundert im Gefängnis verbrachte.
Zum ersten Mal erschienen ist dieser Band der Rowohlt-Reihe Monographie im Jahre 1995. Das merkt man leider auch der 6. Auflage noch an, in der zwar die Zeittafel und die Bibliographie bis 2007 aktualisiert sind, aber dem letzten Kapitel nur wenig Neues hinzugefügt wurde. Hier wären ein paar Seiten mehr wünschenswert, wenn die nächste Überarbeitung ansteht. Stelle ich mir einen Schüler vor, der mit diesem Buch sein Referat über Nelson Mandela vorbereiten will, kommen mir Zweifel, ob er ihm ebenfalls vier Sterne zusprechen würde. Denn wer nach der Person von Nelson Mandela sucht, muss sich durch unzählige historische Ereignisse, fremde Namen und politische Schauplätze hindurchkämpfen. Das ist für geschichtlich Interessierte sicher kein Nachteil, aber für Leser, die dem Wesen dieses außerordentlichen Mannes näher kommen wollen, nicht einfach. Doch da Nelson Mandela auch in seiner Autobiographie sehr zurückhaltend mit der Preisgabe persönlicher Geschichten ist, kann Albrecht Hagemann sich nur auf vorhandenes Quellenmaterial stützen, wenn er dem Anspruch dieser Reihe gerecht werden und auf Spekulatives verzichten will.
Die Geschichte Südafrika und der Apartheid ist so komplex und zum Teil verworren, dass ihre Darstellung alles andere als einfach ist. Wo beginnen? Wie einem Europäer afrikanischen Stammesdenken vermitteln? Was ausführlich behandelt oder auslassen? Wie weit das Erbe des englischen Kolonialismus berücksichtigen? Und wie den bewaffneten Kampf der ANC und Mandelas bewerten? Auf all diese Fragen musste Albrecht Hagemann Antworten finden, die der Geschichte und der Person Mandelas einigermaßen gerecht werden. Ich meine, dass ihm dies zu einem guten Teil gelungen, hätte mir aber dennoch gewünscht, noch mehr über den Menschen Mandela als über den Politiker zu erfahren.
Mein Fazit: Da die Autobiographie von Nelson Mandela "Der lange Weg zur Freiheit" inzwischen auch als Taschenbuch vorliegt, würde ich Interessierten empfehlen, außer dieser Monographie von Albrecht Hagemann auch die Aufzeichnungen von Mandela selber zu lesen. Sich mit dem Leben und Werk dieses außergewöhnlichen Mannes zu beschäftigen, lohnt sich auf jeden Fall.